Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 10-11 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 146 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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*»Lt6 146 ZIÖN Kg. jlQ/11 hinweggegangenen Geschichtskatastrophen verschont haben und das eine durch die zufälligen Lebensbedingungen des Ghettos bestimmte Form angenommen hat, die wir heute nur notgedrungen als d i e Form der Halacha schlechthin anerkennen müssen? Eine weitere Entwicklung von 350 Jahren im Galut hat nun auch einen wesentlichen Teil dieses halachischen Torsos, den taetran ]rn einfach außer Funktion gesetzt, trotzdem seine Rechtsgültigkeit für uns nie erloschen ist. Diese Entwicklung des jüdischen Gesetzes vom realen Faktor zur Fiktion kommt von einem höheren Gesichtspunkt gesehen seiner Aufhebung gleich. E. Rosenblüth kennt e i n Allheilmittel zur Lösung des jüdischen Kultur- und Erziehungsproblems: die Jeschiwah. Die fundamentale Bedeutung des Lernens, der Kenntnis der jüdischen Dinge selber (im Gegensatz zu dem bloßen Wissen von ihnen), ist so selbstverständlich, daß ich es nicht für nötig gefunden habe, in einem Artikel, defc strittige Probleme behandelt, darauf einzugehen. Daß aber die Jeschiwah die prinzipielle Lösung des jüdischen Erziehungsproblems darstellt, daß eine Jugendbewegung ihr Hauptaugenmerk darauf zu richten hat, ihre Menschen zum Jeschiwahbesueh zu bringen, muß ich bestreiten. Die Jeschiwah war nur so lange von entscheidender Bedeutung für das Judentum, als sie dem jüdischen Leben auch außerhalb der Jeschiwah adäquat war. Zu leicht bedeutet heute die bewußte Züchtung eines Jeschiwahjudentums Errichtung einer jüdischen taSpo "i'y außerhalb des Lebens, also eine Flucht aus der Wirklichkeit, die im Gegensatz zur Forderung nach einer „wirklichen Erfassung des ganzen Lebens von der Thora" (E. Rosenblüth) steht. Der Jugendliche, der mit beiden Beinen in der nichtjüdischen Welt steht und zwangsläufig in einer nicht jüdischen Kultur heranwächst, kann auch auf der Jeschiwah die Thora doch nur als ein verehrungswürdiges, aber sehr fremdartiges Heiligtum aufnehmen, als eine Art naun M: nien uS ]'H na'ja murn »oh w varwrh. Nur ein jüdisches Volksleben, das eine jüdische Gesamterziehung ermöglicht, kann der Jeschiwah ihren wahren Sinn geben. Dabei lasse ich dahingestellt, ob diejenige Form des jüdischen Lehrhauses, die sich unter den besonderen Bedingungen des Raumes zwischen (Weichsel und Dniepr in der Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert herausgebildet hat, die ewige Norm der jüdischen Lehr- und Erziehungsinstitutionen sein muß. Ich habe mich nunmehr mit der von Herrn Dr. Unna aufgeworfenen Frage nach unserer Stellung zum und im Zionismus auseinanderzusetzen. Dr. Unna akzeptiert die These von der Bedeutung des Volkstums für die Thora und illustriert sie durch das vortreffliche Beispiel der dem min jna vorausgegangenen Volkswerdung durch D'-»so riK'X' Dennoch glaubt er, „dem Nationalismus, wie ihn der Zionismus vertritt, das nationale Empfinden, wie es das Judentum lehrt und wie es in der Tho|ra verankert -ist'", gegenüberstellen zu müssen, denn: „Das jüdische Volk ist ein Volk eigener Prägung" im Sinne des cyS 'S orn« 'nnpSi Hier scheint mir das entscheidende Mißverständnis der orthodoxen Argumentation gegen den Zionismus zu liegen. Das jüdische Volk i s t nicht ein Volk eigener Prägung, sondern soll es sein: es ist keine >ui o'sro roSno trnpaondern soll es sein: es ist nicht das Volk der Thora (und ist es nie gewesen), sondern soll es sein. Freilich ist dieses „soll" machtvoll genug gewesen, um das Schicksal des jüdischen Volkes in entscheidender Weise zu beeinflussen und den abnormen Verlauf seiner Geschichte zu bedingen. Dennoch kann der durch die Thora bestimmte „eigene Charakter des jüdischen Volkstums" (Dr. Unna) nie zu einem natürlichen Faktor, einer einfachen Gegebenheit, werden und ist es nie geworden, er ist und bleibt eine Konstruktion, die vom jüdischen Volk in jeder Generation bewußt neu geschaffen werden muß. Die Thora ist dem jüdischen Volke nicht ein für allemal eingepflanzt, sondern als schwere Aufgabe und heilige Pflicht auferlegt worden. Das Vo 1 k, dag aus Aegyplen auszog und dem die Thora gegeben wurde, war alles andere als cnp 'ui ü'Jro roSoo und auch das biologische Erbgut aller späteren Generationen scheint durchaus nicht in übernatürlich starker Weise beeinflußt zu sein. Ist nicht vielmehr die ganze Geschichte des jüdischen Volkcis erst als Weg zu diesem noch unendlich fernen Ziele und als ewiger Kampf gegen die sich hierbei auftürmenden inneren und äußeren Widerstände aufzufassen? Wir wissen, daß dieses Ziel noch zu keiner Zeit erreicht wa,r und daß unser Ideal weder beim gegenwärtig vorliegenden Judentum noch bei irgendwelchen „Vorbildern" in der Vergangenheit zu suchen ist. Es entspricht einer inneren Schwäche, wenn man sich der Fiktion hingibt, das zu erkämpfende Ziel sei eine einfache hinzunehmende Gegebenheit. Es ist sehr leicht und bequem, die „Souveränität der Thora" zu proklamieren, dabei die Tatsache zu ignorieren, daß sie vom jüdischen Volk nicht anerkannt wird, und sich der Verpflichtung enthoben zu glauben, den langwierigen und schwierigen Weg, der zur wirklichen Reinstituierung der Thora führt, zu gehen und alle damit verknüpften Geistes- und Gewissenskämpfe auszukämpfen. Ausgangspunkt jedes Tuns für Thora und Judentum kann nur das Judentum, wie es ist, sein, das Ziel und die Richtung