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Zion · 1930-10-01 · 10-11 (10.1930) · p. Seite 144

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
10-11 (10.1930)
Date
1930-10-01
Page
Seite 144 (sequence 20)
Language
German
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Seite 144 Z I 0 N Nr. IQ/U nicht die zionistischen Postulate Volkstum und Land an sich, sondern nur die Stellung, die ich ihnen im Rahmen des Judentums einräume, bestreiten, also die Anschauung ablehnen, daß der Aufbau Erez-Israels d i e Gegenwartsaufgabe des Judentums sei, daß jede jüdische Erziehung von vornherein den Gedanken des jüdischen Volkstums und seiner Regenerierung in den" Mittelpunkt stellen müsse und daß ohne die Elemente Volkstum und Land das Judentum — auch als Religion — unter den gegebenen Verhältnissen der Aullösung anheimfällt-. Dr. Unna meint, das Halten der Thora „in der traditionellen Weise'' biete schon Schutz gegen die zersetzenden und auflösenden Elemente der Umwelt"; auch sorge die Thora dafür, daß das nationale Element des Judentums nicht verschwinden könne. Im selben Sinne tritt E. Rosenblüth für seine „rein jüdische" Erziehungsweise ein, da jede „jüdische Pflichterfüllung" von sich aus zur Aufnahme der Faktoren Erez-Israel und jüdisches Volkstum drängen müsse. Diese Argumentation erinnert durchaus an das Prinzip, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf", und ist für die Haltung der Orthodoxie ungemein charakteristisch. Was nützen die schönsten in der Thora implicite enthaltenen Grundsätze, wenn sie erfahrungsgemäß unter den obwaltenden Verhältnissen nicht zur Auswirkung gelangen können, wenn „das Halten des Sabbat und der Feiertage in der traditionellen Weise und die Beschäftigung mit der Thora in der freien Zeit" (Dr. Unna) nicht zu verhindern vermag, daß der Jude, der in einer nichtjüdischen materiellen und ideellen Welt lebt und keinen Rückhalt in einer in sich geschlossenen jüdischen Gemeinschaft hat. zu einem Europäer jüdischer Konfession wird? E. Rosenblüth gibt selber zu, daß manche „ganz von der Thora erfüllte Menschen" sich u. a. aus einer oft unbewußten Assimilationshaltung heraus gegen den Zionismus wenden. Also schützt Orthodoxie vor Assimilation nicht! Das von Dr. Unna angeführte Beispiel — R. Jehuda Halevi — ist eine echte Htid*> n'*-i. Gerade R. Jehuda Halevi stellt mit seiner Lehre und seinem Leben den stärksten Protest gegen das Sichabfinden mit dem Galut daj. Ich brauche nur auf die berühmten Stellen im Kusari hinweisen, wo die landläufige Galuttrauci und Zionssehnsucht mit einem angelernten Papageiensprechen verglichen wird, wo eine Läuterung des Judentums im Galut für unmöglich erklärt wird, weil eben das Leben im Galut eine Sünde darstellt. Der Auflösungsprozeß des Judentums im Galut zeigt sich gerade darin, daß große Ideen-. Gefühls- und Tatsachenkomplexe, die integrierende Bestandteile der Thora sind, wie eben die Faktoren Volkstum, Sprache, Land, sich nicht mehr von selbst verstehen, wenn von Thora die Rede ist. Erkennt man, daß damit nicht nur die Thora zum Torso, sondern auch dieser Torso zu einem schemenhaften, lebensunfähigen Gebilde wird, so wird es klar, wo man im gegenwärtigen Augenblick das jüdische Bewußtsein und die jüdischen Energien zu konzentrieren hat. Aber die bisherigen Auseinandersetzungen über die soziologische Grundlage der Thora betrifft nur eine Seite des zu behandelnden Gegensatzes. Ich habe in meinem ersten Artikel Fragen angeschnitten, die liefer eingreifen, aber von keinem meiner Opponenten berücksichtigt werden. Dabei scheint mir gerade hier die eigentliche Wurzel aller Gegensätze im ihoratreuen Judentum zu liegen. Dieses glaube ich am besten an Hand eines Satzes von Dr. Unna erläutern zu können. Dr. Unna spricht in seinem Artikel an einer Stelle von dem nationalen Empfinden, „wie es das J u d e n t e m lehr t". Bei aller Achtung für Herrn Dr. Unna und bei aller Anerkennung des Ernstes seiner Anschauungen muß ich diese Wendung als zu bequem ablehnen. Es darf nicht mit Argumenten operiert werden, die beginnen ..das Judentum lehrt . . .". Das Judentum ist keine Lehre und kein geschlossenes System, es ist der Inbegriff der jüdischen Geistigkeit aller Zeiten, es enthält unendlich viel Systeme, Lehren, Tendenzen und Richtungen, die oft in ihrem Lehrgehalt nur wenig Gemeinsames enthalten, sich sogar klar widersprechen können und dennoch sämtlich im Rahmen des legitimen, historisch anerkannten Judentums Aufnahme finden, zusammengefaßt durch ihr jüdisches Bewußtsein und ihren jüdischen Willen. Die geistesgeschiehtliehe Analyse kann sogar Fälle aufweisen, wo das jüdische Volksbewußtsein a posteriori Dinge nebeneinander anerkennt, die an sich theoretisch miteinander unvereinbar sind. Kann man unter diesen Umständen das Judentum als ein bloßes Stück Erbgut betrachten, durch dessen einfache Uebernahme man in den Besitz fester Anschauungen und Urteile gelangt? Man kann eben an die Thora untef. zwei Gesichtspunkten herantreten: Für den einen bedeutet sie Beantwortung und Lösung aller Fragen und nimmt ihm Gewissenskonflikte und geistiges Ringen ab: für den anderen bedeutet Thora erst die eigentliche Fragestellung, mit ihrer Anerkennung und dem Bekenntnis zu ihr ist kein Problem gelöst, aber sie liefert neue Gesichtspunkte zu seiner Beurteilung und vermehrt oft Gewissensfragen und Zweifel. Erstere ist die landläufige orthodoxe Einstellung, zu der sich auch E. Rosenblüth bekennt, wenn er von der „Einheitlichkeit der jüdischen Tradition" und von der „Gesamtanschauung des Judentums'' spricht, wenn er von den „fast unerreichbaren Vorbildern" spricht, die

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