Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 10-11 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 143 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 10/11 Z I 0 N Seite 143 Elfriede Strauß schon Befremden erweckt, ja beinahe Anstoß erregt. Es entspricht durchaus dem Bestreben eines Teiles der O r t h o d o x i e. unbequemen Fragestellungen dadurch auszuweichen zu versuchen, daß man sich hinter möglichst allgemein und unbestimmt gehaltene Begriffe verschanzt, die alles oder auch nichts bedeuten können und über die nicht zu diskutieren ist. Ich muß es aber nach wie vor ablehnen, mich in diesem künstlich erzeugten Ideennebel zu bewegen. Leider operiert auch Rosenblüth in seinem zweiten Artikel in viel höherem Maße als im ersten mit Begriffen wie ..das eigentlich Jüdische--, ..jüdische traditionelle Anschauung", ,,eindeutig jüdisch-religiöse Einstellung", usw., während Dr. Unna gar ..das Judentum" schlechthin dem „Zionismus" gegenüberstellt. Zunächst wäre hier auf einen schwerwiegenden inneren Widerspruch hinzuweisen, der alle Ausführungen Rosenblüths durchzieht. Einerseits bezeichnet er selber Erez-Israel und jüdisches Volkstum als die „entscheidenden natürlichen Faktoren, die die; V'o r a u s s e t z u n g für die Erfassung des gesamten Lebens von der Thora sichern"; andererseits sollen sie nur eine Seite des Judentums sein und zwar eine solche, die sich aus der Thora sekundär ergibt. Chawer Bernhard B r e c h e r hat schon betont, dali E. Rosenblüth mit der von ihm anerkannten ersten Prämisse alle seine weiteren Ausführungen eigentlich selber widerlegt. Dennoch sehe ich mich nicht der Verpflichtung enthoben, auf die von E. Rosenblüth gegen mich erhobenen Einwände näher einzugehen. E. Rosenblüth unterstellt mir eine „einseitig soziologische Betrachtungsweise" des Judentums. Selbst wenn dieser völlig irrige Vorwurf zuträfe, winde er meine Argumentation nicht erschüttern. Tatsächlich würde allein schon die von E. Rosenblüth (ebenso von Dr. Unna) zugegebene unvermeidliche Untergrabung der „natürlichen" soziologischen Grundlage der Thora durch Galut und Assimilation unserer Kritik am gegenwärtigen Status des Judentums und der Judenheit vollauf rechtfertigen. Entweder ist Judentum etwas, dessen Auswirkungen sich auf „Gemüt". „Gesinnung-' usw. beschränken, d. h. es ist eine Konfession neben anderen Konfessionen, oder aber es existiert eine Forderung nach „Erfassung des gesamten Lebens von der Thora'4; in letzterem Falle ist die Mißachtung der soziologischen Faktoren seitens Erich Rosenblüths — trotz der von ihm zugestandenen Prämisse — absolut unzulässig. E. Rosenblüth spricht: von einer „Einstellung, bei der die Religiosität erst als Produkt aus der Beziehung zum jüdischen Volkstum entsteht", und spielt ihr gegenüber die „Faktoren religiös-individueller Art-- aus. Er tut es mit einer Selbstverständlichkeit, die die Unklarheit darüber erkennen läßt, daß er damit min 'Btf berührt und das eigentliche Zentralproblem der jüdischen Religion auf wirft, über das es im Judentum keine Ueberein- Stimmung gibt und seiner ganzen Natur nach auch nie geben kann. Es geht nicht an, sich mit einer derartigen Leichtigkeit über diese Frage hinwegsetzen zu wollen. E. Rosenblüth hat nach seiner eigenen Angabe die üblichen Einwände der Orthodoxie gegen den Zionismus in seine Kritik mitaufgenommen; damit ist er, sicher unbewußt, auch von ihrer Problemlosigkeit und geistigen Bequemlichkeitssucht beeinflußt worden. Eine Wendung wie „die rein persönliche Bindung eines Menschen an seinen Gott-- dürfte als Antwort gegenüber meinem Hinweis auf die Zerstörung des Judentums durch Galut, (Ghetto und Assimilation nicht vorkommen. Das ist ja eben die Frage: Ob ein solches Verhältnis Grundlage des Judentums (oder — besser gesagt — der Thora) sein kann oder überhaupt sein darf? Mir scheint es vielmehr, daß die Beziehung eines jüdischen Menschen zu seinem Gott nie etwas anderes sein kann als die Spiegelung des Verhältnisses?kh?m ttm -jnj xsnip Kn'ni.« im Individuellen (wobei ^tn»» ein soziologischer und kein metaphysischer Begriff ist). Mit dem Verfall und Zerfall des Trägers dieses Verhältnisses, btne muß zwangsläufig auch die persönliche jüdische Frömmigkeit blutleer werden und verkümmern, sofern sie nicht ins Mystische oder Moralisierende verbogen wird (naia ,nnnn ,n?ap). Das persönliche religiöse Erlebnis, das nicht von der bewußten Willensentscheidung abhängt, und das man haben oder auch nicht haben kann, darf nicht zur Voraussetzung und Grundlage des Judentums gemacht werden, sonst wird letzleres eine na"2 ,-'rn mnx Die durch die Aushöhlung und Zersetzung der soziologischen Grundlage der Thora bedingte Verdrängung der Religiosität ins Private ist die Ursache jener weitverbreiteten Jiidischkeit, die sich fast restlos in einer besonderen Facon, freudige oder traurige Familienereignisse zu begehen erschöpft. Gerade eine thoratreue Jugendbewegung hat die Aufgabe, den Kampf gegen diese spießerische Haltung zur jüdischen Religion zu führen. Völlig unverständlich jedoch wird für mich die Argumentation E. Rosenblüths, wenn er, der von den „Faktoren religiös-individueller Art", von der „rein persönlichen Bindung eines Menschen an seinen Gott", ausgeht, glaubt, mir liberalisierenden Individualismus vorwerfen zu können! Da E. Rosenblüth Zionist ist und auch Dr. Unna von seinen wiederholten Erwägungen, der Zionistischen Organisationbeizutreten, spricht, muß ich ihre Polemik gegen mich so auffassen, daß sie