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Zion · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. Seite 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 124 (sequence 16)
Language
German
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Seite 124 Z I 0 N Nr. 9 lichkeit. Nehmen wir z. B. den Psalm: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Hier steht; die Natur neben der Thora: neben der Wirklichkeit der Natur steht eine zweite höhere Wirklichkeit, die der Thora. Und wir müssen in die Seele des Kindes eine noch höhere Wirklichkeit einführen. Sie hat keinen anderen Namen als den ewigen Namen: Gott. Man muß dem Kind jenes Gefühl von Anfang an vermitteln. Deshalb möchte ich sagen, daß man für diesen Unterricht der besonderen Klügeleien entraten kann. Fürchtet euch micht davor, daß Ihr Euch selbst verfälschen könntet! Mögt ihr euch wissenschaftlich zur Thora einstellen, wie immer ihr wollt, versteht diese* Buch in jener oder einer anderen Form, mit Kritik oder ohne Kritik — aber wenn ihr das Gefühl habt, daß dies ein Buch des Lebens ist. ein Buch, das den Kern des Volkes Israel enthält, den Genius der Nation, dann gebt dem Kinde das Buch,, so wie es ist. und bemüht euch nicht, irgendwelche rationalistischen Erklärungen anzubringen! Klügelt nicht an der Bibel herum, sondern gebt sie den Kindern in ihrer Einfalt, so wie sie vom Berge Sinai, von den Höhen des Berges gegeben ward, auf dem das jüdische Volk geschaffen wurde. Selbstverständlich gibt es Teile, die dem kindlichen Verständnis nicht entsprechen — man kann sie übergehen. Aber gebt dem Kinde alles, was ihm verständlich ist, ohne Furcht und ohne Streichungen! Lesefrüchte. Kultusminister Grimme und das Judentum. Im Jahre 1922 hat der damalige Studienrat Dr. Adolf Grimme in der Schriftensammlung des ..Bundes entschiedener Sehulreformer" eine kleine Abhandlung veröffentlicht, die den bedeutsamen und anspruchsvollen Titel trägt: ,.D e r religiöse Mensch, Eine Zielsetzung für die neue Schule." (Die Schule der Gemeinschaft. Heft u, Berlin 1922). Der heutige Leiter des preußischen Bildungswesens entwickelt hier in der losen Form von Briefen an einen gesinnungsverwandten Freund ein vollkommenes System theoretischer Anschauung und praktischer Schularbeit. Für uns wird spezifisch interessant sein, daß er wiederholt auf das Judentum Bezug nimmt. Zunächst geschieht das mit einer ablehnenden Interpretation dessen, was Grimme als alttestamentarische Auserwähltheit: erscheint. Er möchte im Leben der Einzelnen, der Gemeinschaften und der Völker einen Geist zur Herrschaft bringen, der die Auserwähltheit und selbst den subjektiven Auscrwähltheitsglauben eines einzigen Volkes ausschließt und sie alle zum Bunde Gleichberechtigter zusammenführt. Hier wirkt wieder das tragische Mißverständnis, das uns so oft begegnet, weil die Interpretation, die schon bei den Propheten und dann noch deutlicher in der mündlichen Lehre jenem Auserwähltheitsdogma gegeben worden ist. der nichtjüdischen Welt kaum mehr zum Bewußtsein kommt. Grimme faßt sein letztes Endziel in den Satz: ..Und wir wollen nicht:, daß die Welt wird wie wir. sondern daß jeder und wir mit ihm die ihm eigene Besonderheit entfalten darf." (S. 57). Hätte er sich nicht dabei auf den talmudischen Satz berufen können, den Maimonides zu gellender Halacha erhoben hat und der den ..Frommen der Völker der Welt*' ausdrücklich ..Anteil an der kommenden Well"' zubilligt. In dieser Konzeption ist die liefste Toleranzidee ausgedrückt, der auch Grimme nachstrebt: ja. sie findet sich, vielleicht von einigen arabisch-mohammedanischen Vorläufern abgesehen, mit am frühesten schon bei Salomo ibn Gabirol, dessen ..Kelher Malchutlr' ausdrücklich feststellt, daß auch die Heiden, die Holz und Stein anbeten, dabei in Wahrheit die Intention auf den Einzigen Gott haben und daß sich die Juden von denen nur durch die K1 a rh e i t unterscheiden, mit der sie bewußt ihre» Weg zum gleichen Ziele gehen. Eine Geschichte des Toleranzgedankens ist noch nicht: geschrieben: das Judentum würde in ihr einen gewichtigen Platz einnehmen und zwar zum Teil gerade durch die Interpretationen der Auscrwähltheitsidee von Arnos bis Hermann Cohen. Es gehört mit zu unseren Aufgaben, diese lebendige Interpretation so leibhaft darzustellen, daß ein wohlwollender Beurteiler des Judentums wie Grimme nicht mehr an ihr vorübergehen kann. Daß er ein wohlwollender Beurteiler ist, zeigt sich an vielen anderen Stellen seiner kleinen Schrift. Von direkten Aeußerungen abgesehen, auf die wir noch zurückkommen, gibt es überaus zahlreiche innere Berührungspunkte seiner Gedanken mit denen jüdischer Dichter und Denker. So bezeichnet er Gott als das große ..Du" uaserer Sendung, ganz wie es später, und zweifellos unabhängig davon. Martin Bubers Philosophie in ,.Ich und Du*' getan hat. Daß dieser Zusammenhang kein zufälliger, sondern ein innerlich bedingter ist, erweist die gleich auf der nächsten Seite folgende Anführung von Versen der Else Lasker-Sehüler, Max Brods und Ernst Lissaurs zur Kennzeichnung des eigenen religiösen Standpunktes von Grimme: Autoren, von denen doch mindestens die beiden ersten als bewußte und tatsächliche Interpreten jüdischer Geistigkeit gelten dürfen. Aber noch mehr: die ganze Darstellung dessen, was für Grimme „religiöse Ver-

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