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Zion · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. Seite 123

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 123 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 9 Z I 0 N Seite 123 Augenblick an, und dieser lebt sein ganzes Leben mit Gott, wandelt und tut nach seinen Befehlen. Trotz dieser Verbindung aber verläßt uns jenes Realitätsgefühl niemals beim Lesen der Erzählung. Gottes Einmischung stört die Natürlichkeit der Geschehnisse gar nicht; weder das Kind noch der Erwachsene empfinden einen fremdartigen Einbruch in die kausale Verknüpfung der Ereignisse. Die Erzählungen der Thora haben untereinander eine innere Einheit. Es handelt sich nicht um eine Sammlung von, Episoden oder Novellen, die zufällig an den gleichen Ort geraten sind, sondern um ein vollkommenes, organisches Buch, das einen Zcntralpunkt besitzt, auf dem es von Anfang bis Ende gerichtet ist. Es ist das Buch der Entwicklung und Existenz des Volkes Israel. Wie das Volk ward und zur Nation sich festigte, wie seine Lebensgrundlagen geschaffen wurden in Gestalt seiner Prototypen für alle künftigen Ge¬ Geschlechter, das wird aus der Thora klar. Unsere Weisen haben sehr gut erkannt, daß auch die Schöpfung der Welt nicht um ihrer selbst Willen erzählt wird, sondern um den Anspruch Israels auf sein Land zu erhärten. So führen alle Fäden auf die Entwicklung des jüdischen Volkes zu: zehn Geschlechter bis Noah, zehn bis Abraham, dem Stammvater der Nation. Sicher hat man aus der ursprünglichen Fülle der Erzählungen alles Ueberflüssige ausgeschieden, aber es hat eine wählende und klärende Kraft gearbeitet, die läuterte und reinigte. So wurden diejenigen Wegpunkte ausgewählt, die geradeaus zu den Stammvätern führen. Bekannt ist die Aggada von dem König mit der Perle; man suchte im Sand, bis die Perle gefunden war, bis man zu Abraham kam — bei ihm beginnt die Geschichte Israels. Aus dieser vorbedachten Auswahl darf man kein einziges Glied entfernen, wenn man nicht die ganze Kette zerstören will. Es ist zu vermuten, daß dieses vom Volke mit so heiligem Eifer trotz aller Verfolgungen bewahrte Geistesgut den besten Extrakt seines Wesens ausmacht. Wenn von einem gänzlich zerstörten Baume ein einziger Samenkern übriggeblieben ist, kann man aus ihm einen neuen Baum wachsen lassen. So ist es auch mit den Aggadoth: verhältnism äßig wenige sind nach Tausenden von Jahren erhalten geblieben, als Samenkerne von Tausenden, die vergessen worden sind, und aus ihnen kann man auf einem bestimmten Wege die ganze verlorene Welt wiederherstellen. Da sind z. B. Aggadoth aus späterer Zeit: die von Kamza bar Kamza, von Martha, der Tochter des Böetius. In dieser - Erzählung wird der Hunger in der belagerten Stadt beschrieben: nachdem sie ihren Sklaven vergeblich fortgeschickt hatte, um Mehl zu kaufen, Warf sie ihr Geld zu Boden und fiel selbst tot an einer Straßenecke hin. Ueber diesen Hunger hat Flavius Josephus so viel geschrieben, und die Aggadah hat nur einen einzigen kernhaften Wesenszug von ihm aufbewahrt, eine kurze Episode, aber gerade aus ihr steigen uns die Schrecknisse der Hungersnot vielleicht stärker empor als aus den langen Erzählungen des Flavius. Um große Flächen zu erblicken, braucht man sie nicht zu überschauen, sondern es genügt durch einen kleinen Spalt zu gucken, um sie ganz und gar ins Blickfeld zu bekommen. Durch einen solchen aggadischen Kern sehen wir die ganze Geschichte, und in einer wahreren Spiegelung, als man sie sonst finden kann. Der Kurzsichtige sieht allerdings überhaupt nichts. Deshalb also sage ich: in der Bibel ist viel aufbewahrt, viel tausendjährige Lebensformen unserer frühen Stammväter, die durch Vermittlung jener Erzählungen im Laufe von Tausenden von Jahren in unsere Seele einmünden. Jeder von uns, der Kleinste und der Größte, findet seinen besonderen Geschmack darin. Und s o muß man lernen. Keine Erzählungen außer diesen kleinen werden dem Kinde den Zugang zu den weiten Ebenen der Geschichte eröffnen. Alle anderen Geschichten verändern in jeder Generation ihren Inhalt; die Thora aber bleibt ein festes Bollwerk, das sich in seiner Wesenheit nur auf Grund einer neuen Beleuchtung ändern kann. Es ist ein kleines Gerät, das alles faßt, was es auch sei. und immer noch Farben und Lichter zeigt, bis ans Ende aller Tage. Aber ich will zu Abraham zurückkehren. Die Entwicklung Israels zum Volke beginnt in einem Familienhause, dem Abrahams. Das Haus erweitert sich, Izchak und Esau erscheinen, dann Jakob und die siebzig Mitglieder seiner großen Familie. Es folgt der Zug nach Aegypten mit allen seinen Plagen und das Wachstum bis zu den 6oo ooo, die Aegypten verlassen. UJnd nun das grandiose Bild des Auszugs aus Aegypten! All das geschieht auf der begrenzten Fläche dieses kleinen Buches, und das Kind wie der Erwachsene begleitet das Gefühl einer langen Zeitspanne. Es trägt sich ein unverständliches Zauberwerk zu: das Wachstum einer einzigen Familie, ein langsames Wachstum, die Entwicklung eines Volkes, das Aegypten unter großen Führern verläßt. Ebenso steht es mit den übrigen biblischen Erzählungen, und in einem solchen Buch, das uns derartige Wunder zeigt, steckt mehr als literarische Kraft, als Produktivität, ja mögt ihr sagen, was ihr wollt! Das ist überhaupt kein Buch, das ist eine Wirklichkeit neben einer arideren Wirk-

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