Mannheim
Compact Memory

Zion · 1930-09-01 · 9 (9.1930) · p. Seite 122

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
9 (9.1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 122 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3133276-3139335-3139343--0376-3139886
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 122 Z 1 ü N Nr. 9 das für jeden Menschen, für jedes Lebensalter und für jede Epoche den gleichen Wert besitzt. Wenn wir über unsere heiligen Schriften sprechen, dürfen wir es nicht so tun, als redeten wir über Literatur. Die Bibel, und besonders ihre erzählenden Teile, sind das Lebensbuch Israels. Unsere Weisen sagen: „Wenn Israel nicht gesündigt hätte, dann wären ihm nur die Thora und das Buch Josua gegeben worden.'" Alle übrigen Bücher sind also eine Zutat, die Israel in der Stunde der Not gegeben ward, weil es sündigte. Hätte es nicht gesündigt, dann hätie man sich mit der Thora und mit Josua begnügt. (Josua ist unentbehrlich, weil dort der Wert Erez-Israels so recht hervortritt und die Geographie des Landes dargestellt wird.) Das jüdische Volk hätte also, wenn auch mit Schwierigkeiten, auf die übrigen Bücher verzichten können, aber ohne Thora und Josua hätte es unmöglich bestehen können; sein Leben und seine Existenz liängen an ihnen. Darum sehe ich die Erzählungen der Thora als unser eigentliches Grundbuch an, das ständig, ohne jede Unterbrechung, im Mittelpunkt des Lernens und der jüdischen Bildung und Erziehung stehen wird. Das ist kein Buch, das man einmal lernt isnd dann mündlich wiederholt oder das man sogar gründlich beherrscht, von dem man dann aber zu einem anderen Gegenstand übergeht. Es ist vielmehr ein Buch, zu dem man ständig zurückkehren und mit dem man sich ohne Unterlaß auch außerhalb der Schulwände beschäftigen muß. Wenn es üblich war, an jedem Sabbat den Wochenabschnitt zweimal in der Ursprache und einmal in der Uebersetzung zu lesen und auf diese Weise in jedem Jahr die ganze Thora durchzugehen, so war das weder eine häusliche Idylle noch eine Kaprize des Schulchan-Aruch, und auch kein religiöses Joch, sondern der lebendige Ausdruck eines wirkenden inneren jüdischen Instinktes lür den Bestand des Volkes. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß selbst Abiturienten höherer hebräischer Schulen in Palästina nicht wirklich in der Thora zu Hause sind und sie nicht recht kennen, wobei sie sich darauf herausreden, daß sie allzusehr mit anderen Fächern belastet seien und keine Zeit für das Chumesch hätten. Bevor ich deshalb über das Thoralernen in den Volksschulen spreche, muß ich mich erst einmal bitter über unsere Lehrer beklagen, die noch immer nicht gescheit genug geworden sL.dj, um zu verstehen, daß ein Jude, der nicht Chumesch kann, und mag er auch alle siebzig Spillen und Wissenschaften beherrschen, ein Am Haarez bleibt. Ohne Thora fehlt die Grundlage, auf der allein die jüdische Bildung errichtet werden 'kann: ..Das Buch der Thora weiche nicht aus Deinem Munde. .." „Du sollst Tag und Nacht darüber nachdenken..." Der Jude muß immer wieder sein Antlitz diesem Buche zuwenden, um zu messen, ob er sich nicht von ihm entfernt hat. Noch etwas: es gehört zur Natur dieses Buches, daß es mit dem Menschen mitwächst, dem Maße, in dem sich der Jude entwickelt und seine ThorakL-nnlnisse vertieft, in dem Maße vertieft und erhebt, sich auch seine gesamte Bildung und sein Verständnis. Dieses . Buch muß wieder der Bildungsmaßstab für den Juden werden. Sein Verständnis bleibt nicht auf einem Orte stehe]): es trägt auf seinem Rücken all die geistigen Schätze, die sämtliche Generationen, kleine, mittelmäßige und große, also untereinander gänzlich verschiedene, in es hineingelegt haben und wird so zu einer Schatzkammer für alle Vermächtnisse des Geistes. Es ist kein gewöhnliches Buch und ist keine Literatur: es ist der extrahierte Inhalt des geistigen Besitzes all unserer Generationen. Ein großes Geheimnis ist es, wie ein quantitativ erinnere an die Aggada zu dem Bibelvers: „Das erinnere an die Haggada zu dem Bibelvers: „Das Land, auf dem Du liegst, werde ich Dir geben": Der Heilige, gelobt sei er, faltete das ganze Land wie ein Buch unter Jakob zusammen. Jakob lag also auf ganz Erez-Israel — und so ist auch in diesem kleinen Buch durch ein Wunder das ganze Judentum und ganz Erez-Israel zusammengefaltet. Trotz der biblischen Wunder begleitet uns, ob Kind oder Greis, das ständige Gefühl vollendeter Wirklichkeit. Die Wunder sind eine bestimmte Ausdrucksform oder ein organischer Teil in der Entwicklung der Ereignisse. Die Helden der Bibel stehen in ganz realen Formen vor uns. Ihr ganzes Leben, ihre Beziehungen und Schritte entwickeln und verknüpfen sich in ganz realistischer Folge. Ja, noch mehr: man hat das Gefühl, daß die handelnden Menschen sich nicht auf die Wunder verlassen. Sie tun alles entsprechend ihrer menschlichen Natur, sorgen wie gewöhnliche Sterbliche für ihre Existenz, und manchmal kommt das Wunder. Noch etwas. Das biblische Wunder ist beinahe niemals privater Natur, sondern ein historischer Faktor des Volkslebens und geschieht zugunsten des Volkes. Die Wunder des Evangeliums haben stets im Leben eines Einzelnen, nicht aber in dem einer ganzen Nation eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, die deshalb keinen historischen Rang hat. Hier, in der Bibel, ist aber das Wunder stets mit einem wichtigen historischen Ereignis verbunden. Ein weilerer Wesenszug der Bibel ist die besondere Verknüpfung ihrer Helden mit Gott. Es wird fast keine Bewegung ohne Gott aufgeführt. Er begleitet unseren Erzvater Abraham vom eisten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.