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Zion · 1930-08-01 · 8 (8.1930) · p. Seite 106

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
8 (8.1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 106 (sequence 16)
Language
German
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Seite 106 ZIOK Nr. S5 liehe Weise und in keiner irgend absehbaren Zeit auch nur zum größeren Teil nach Erez-Israel zurückgeführt werden kann. Was für einigermaßen überblickbare Zukunft zur Rettung des jüdischen Volkes ausreicht und durchführbar erscheint, ist eine solche Besiedlung des Landes, die Erez-Israel zur Haupt- und Zentralstätte des Judentums, der jüdischen Kultur, des jüdischen Lebens und Schaffens macht und damit zum Einungs- und Nachahmungsmittelpunkt der jüdischen Nation. Genau formuliert läßt sich das Ziel des Zionismus angeben als Landesbesiedlung in der Absicht, Erez-Israel zum geistig-nationalen Zentrum des seiner überwiegenden Mehrheit nach in der Diaspora weiterarbeitenden jüdischen Gesamtvolkes zu erheben. Gewiß bildet dieses Ziel noch lange nicht das absolute, das messianische ,.Endideal". aber dem Zionismus kann und darf es auch unmittelbar nur um die. schon hinlänglich schwierige Erreichung der vorläufig nächsten „Station*' auf dem Weg dahin gehen. Selbst wenn es wunderbarer Weise glückte, aus Erez-Israel ein jüdisches Land und einen freien Judenstaat zu machen, wäre Zion nicht mehr als das nationale Zeniru m des jüdischen Volkes, wofern nicht zugleich der größere Teil desselben ausstürbe. Selbstverständlich erfordert der Aufbau des nationalen Zentrums die Seßhaftmachung einer zahlreichen jüdischen Bevölkerung im Lande, ohne die eine Vollkultur ja unmöglich gedeihen könnte. Man braucht damit aber nicht unbedingt die Gedanken an eine jüdische Mehrheit zu verbinden, so sehr erwünscht natürlich eine solche wäre. Meist versieht Achad Haara das Wort ..Mehrheit", wo er es in solchem Zusammenhang gebraucht, mit Anführungszeichen. Das unmittelbare praktische Ziel des Zionismus von heute, die Schaffung des nationalen Zentrums, läßt sich, wie mir scheint, notfalls und einigermaßen auch erreichen, wenn es zunächst und ohne der weiteren Entwicklung vorzugreifen, gelingt, die jüdische Bevölkerung nur gerade auf 50 oder vielleicht sogar nur 40 Prozent der gesamten Landeseinwohnerschaft zu heben. Hauptsache bleibt für die absehbare Zukunft — und der späteren, unabsehbaren, gilt doch unmöglich unsere praktische Gegenwartsarbeit —, eine jüdische Volksmasse ins Land zu bringen, die a u c h relativ beträchtlich genug sein muß. um in der Gestaltung ihres eigenen jüdischen Lebens und der Entfaltung ihrer eigenen jüdischen Kultur nicht mehr wesentlich von einer zahlenmäßig allzu übermächtigen und kulturell überlegenen fremdnationalen Umwelt behindert werden zu können. Sehr viel kommt es unter solchen Umständen allerdings auf die Qualität des Siedlungswerkes und seiner Menschen an, eine Forderung, die Achad Haam stets nachdrücklich erhoben hat. Dergestalt soll wenigstens in Erez-Israel die jüdische Erbwelt, bereichert allerdings um das Beste der europäischen Kultur, zur Alleinherrschaft gelangen, während für die Diaspora die Synthese von Erb- und Umwelt als das hier denkbar höchste Ziel oder doch die sekundäre Pflege der jüdischen Erbwelt durch das Volljudentum Palästinas beträchtliche Ermunterung und Förderung erfahren wird. Die Diaspora ihrerseits vermag das Zentrum sozusagen vor übertriebener geistiger Inzucht und kultureller Abschließung zu bewahren. Dieser Zionismus meint nicht schlechthinnige Galuthverneinung, sondern fordert Zions Aufbau außer seinem Selbstwert zugleich und wesentlich für die Diaspora, von deren Lebenswillen er Kenntnis nimmt und deren Lebensrecht er nicht bestreitet. Zion und Diaspora sind ihm wie Mittelpunkt und Umkreis aufeinander bezogen, einander zugeordnet. Man hat die Lehre Achad Haams dermaßen entstellt und verzerrt, daß es heute noch den schärfsten Widerspruch hervorruft, wenn man behauptet: der organisierte Zionismus, den Misrachi inbegriffen, ist Achadh a a m i s m u s. Trotzdem verhält es sich also. Schon die älteren Schriften eines Auerbach, Lichtheim, Ruppifi z. B. wissen es nicht anders: Erez- Israel soll das Gesamtjudentum neu beleben, die fernerhin bleibende Diaspora stärken und stützen, d. h. doch eben ,.geistig-nationales Zentrum" des jüdischen Volkes sein. Später hat N. Goldmann deutlicher im gleichen Sinne geschrieben. „Palästina und die Diaspora sind zwei Daseinsformen des jüdischen Volkes, Palästina die höhere, reinere, harmonischere, die Diaspora die problematischere, schwierigere, spezifischere; das jüdische Volk aber bildet eine Einheit in seinen beiden Daseinssphären.'' ..Die Diaspora wird bleiben, aber sie wird einen Mittelpunkt erhalten." „.Seit der Emanzipation ist die „Fremdheit1 endgültig überwunden . . . Wir sind stets überall Teile des jüdischen Volkes .... Glied seines Landes Palästina; und doch überall auch Teile der Staatsgemeinschaft, in deren Mitte wir leben. . .1)" Schließlich sei aus den letzten Jahren besonders Abr. L e w i n s o h n s „Lebissus hazionuth" genannt 2). Auch die misrachistische Literatur weiß schwerlich etwas von einer Preisgabe der Diaspora, anerkennt vielmehr das aufzubauende Erez-Israel als das zugleich religiös belebende Zentrum des Gesamtvolkes, wie ja schon die Bezeichnung „Misrachi" Abkürzung von merkas ruchani ist 3). IV. Was heißt nach alledem für die Praxis Zionist sein? Was fordert von uns der Zionismus? Will man Zion aufbauen als ausschließliche Heimstätte des nach rückhaltloser Preisgabe der Diaspora noch übrigbleibenden Restes des jüdischen Volkes, so ist es vornehmste Zionistenpflicht, selbst nach Palästina zu gehen. Es mag gewiß für Einzelne persönliche und auch zionistischsachliche Abhaltungsgründe geben, aber im all- 1) N. G o 1 d m a n n, Die drei Forderungen des jüdischen Volkes, Berlin 1919. 2) Warschau 5689. II. Kap. Vergl. auch den interessanten Aufsatz von Sch. Ginsberg in ..Hatekufah", 26/27, S. 447 ff. 3) Ich begnüge mich auf Reines' „Pne hamisrach" zu verweisen, Misrachi-Festschrift, 5687, und S. B. Feldmann in „Hator", 1927, Nr. 21. S. 5.

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