Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 8 (8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 104 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 t Z I 0 N Nr. 8 was etwa mit den Schlagworten Erbmasse. Mneme, Unterbewußtsein u. dgl. ausgedrückt zu werden pflegt, kurz, durch alles das, was B u b e r einmal als die „Welt der Substanz" von der Welt der „konstanten Elemente" unterschied, was die zionistische Terminologie vorzugsweise unter „national" versteht. Beides zusammen erst, E r b w e 11 und Umwelt, um es der Einfachheit wegen so zu nennen, macht mein Wesen, meine Individualität. Die meine „Nationalität" aufbauenden Bestandteile brauchen aber mit den meiner Umwelt zugrundeliegenden nicht identisch zu sein. Und die Sachlage kann eine weitere Verwicklung erfahren, wenn infolge einer mehrere Geschlechter hindurch fortgesetzten Einordnung in die ursprünglich fremde Umwelt deren Elemente oder ein Teil von ihnen sich schließlich immer enger mit solchen der Erbwclt verbinden. Dann kommt es nicht mehr auf die höchst einfache Feststellung der Heimat an, des moledeth, sondern die Frage ist jetzt, wohin eigentlich und wesentlich das Individuum oder die Gruppe gehört, gehören soll: zur ursprünglichen Erbwelt, zur Umwelt, oder zu beiden zugleich? Genauer besehen ergibt sich folgendes Fragenschema: sollen und können die umweltlichen Wesensbestandteile des Einzelnen bzw. der Gruppe zur Alleinherrschaft gebracht werden oder wenigstens zur Vor herrschaft? Erscheint umgekehrt Allein- oder Vorherrschaft der noch erkennbaren und neu zu belebenden erb weltlichen Elemente erstrebenswert und möglich? Oder wäre schließlich einheitliche Verschmelzung von Erb- und Umwelt das erwünschte und ein erreichbares Ziel? Um Stellungnahme zu diesen Möglichkeiten geht es beim „Galuth-Problem". Die Heimat, moledeth. des Diasporajuden ist zuweilen sein Geburtsland, die Heimat der heute lebenden deutschen Juden also — der zionistischen und inisrachistischen so gut wie der orthodoxen, liberalen, assimilantischen — Deutschland, wo wir, von vielen oder wenigen Ausnahmen abgesehen, geboren und großgeworden sind gleich unseren Eltern und Großeltern. Sie schon haben, seit der Emanzipation, an den Geschicken Deutschlands auch aktiv Anteil genommen. Nicht nur die deutsche Sprache und Kultur bildet ein Element unseres Wesens, sogar die neuere deutsche Geschichte gehört mit zu unserem Geschichtsbewußtsein. Wir haben uns seit über hundert Jahren der deutschen Umwelt als unserer Heimat, unserem moledeth, eingegliedert, äußerlich und weitgehend innerlich. Am ehrlichen Geständnis dieser Tatsache soll uns kein zionistisches Vorurteil hindern. Aber ebensowenig verhehlen wir andererseits aus irgendwelchen äußeren Bedenken die zweite Hälfte der Wahrheit. Das Judentum als geschichtliches Gesamtgebilde und die jüdische Gemeinschaft als geschichtliches Volksganzes hat im eigenen Bewußtsein wie in dem der übrigen Völkfcr ssine Heimat in Palästina. Das „nationale Ich" der geschichtlichen jüdischen Volksgemeinschaft, die hebräische Sprache und Literatur, die jüdische Religion, d. h. die. grundsätzlich sämtliche Lebensfgebiete umfassende religiöse Nationalkultur Israels, seine heiligsten religiös-nationalen Erinnerungen und Hoffnungen, alles, was die „nationalen" erbweltlichen, eben die jüdischen Bestandteile unseres Wesens ausmacht, ist tief und unlöslich mit Ercz- Israel verbunden. Und nun erhebt sich die Frage: wie soll der deutsche Jude der Gegenwart zu seinen, allerdings „palästinozentrischen", Erbwelts- und wie zu seinen deutschen Umweltselementen Stellung nehmen? Was soll er mit der gegebenen Zweiheit seiner jüdischen und deutschen Wesensbestandteile anfangen? Gemäß dem vorhin gefundenen Schema sind theoretisch fünf Antworten möglich. Man kann darauf ausgehen, unter völliger Preisgabe der jüdischen Erbweltselemente die der deutschen Umwelt zur Alleinherrschaft zu bringen. Eine solche Volksassimilation, die nur auf dem Weg der Mischehe und zwar wohl erst für die Enkel wirklich zu erreichen wäre, lehnen wir ohne hier eine Begründung zu versuchen von vornherein ab. Man kann sich aber auch mit einer Vorherrschaft der deutschen Umweltselemente begnügen, die daneben eine Pflege unserer jüdischen Erbweltsbestandteile durchaus zuläßt. Wir bejahen dann Deutschland als bleibende Heimat der deutschen Juden, unsere innere Verbundenheit mit Land und Leuten, deutscher Kultur und deutschem Geschick, bejahen jedoch gleichzeitig unsere jüdische Erbwelt, suchen die geschichtlichen Güter des Judentums nach Maßgabe unserer Kräfte zu erhalten und zu mehren. Eine dritte Möglichkeit wäre das Bestreben, unsere jüdische Erbwclt zur Alleinherrschaft zu bringen. Das bedeutet nicht notwendig einen Verzicht auf unsere deutschen und europäischen Wesensinhalte, verträgt sich vielmehr durchaus mit Einschmelzung, organischer Einverleibung einer Auslese von ihnen in die volljüdische Individualität. Nur rein theoretisch denkbar erscheint mir die weitere Möglichkeit einer Vorherrschaft des jüdischen Elements in uns gegenüber dem deutschen, das an zweiter Stelle stünde. Die überstarke Wirklichkeit unserer Umwelt vereitelt jeden derartigen Versuch. Dagegen ist eine fünfte Zielsetzung nicht an sich hoffnungslos, wenngleich nur sehr schwer und in Ausnahmefällen durchführbar: die einheitliche Verschmelzung der Erb- und Umweltselemente. Einzelne Gestalten des spanisch-jüdischen Geschichtsabschnittes oder etwa Moses Mendelssohn zeigen, daß eine solche Synthese mehrfach schon Ereignis wurde.