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Zion · 1930-12-01 · 12 (12.1930) · p. Seite 155

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
12 (12.1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 155 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 12 Z I O N Seite 155 der konservativen Judenheit Berlins der Volkspartei übertragen worden. 1500 von ihren vor vier Jahren noch 2900 Wählern hat die konservative Partei verloren, und wir schätzen die Gesinnungslreue dieser Konservativen zu hoch ein, als daß wir annehmen könnten, daß die 1500 dieses Mal etwa einer liberalen Partei ihre Stimmen gegeben haben. Diese Wähler sind aus verschiedenen Gründen zu uns gekommen, teils hat die Politik ihres bisherigen Vertreters in der Repräsentanz sie zu dem Wechsel der Partei veranlaßt, und hat sie erkennen lassen, daß wahre Vertretung ihrer Interessen in der vergangenen Periode nur durch1 die Volkspartei vorgenommen wurde, anderenteils hat aber die Arbeit der Volkspartei und ihre Erfolge in der vergangenen Periode ihnen den letzten Rest des früher vielleicht vorhandenen Mißtrauens genommen. Diese konservativen Menschen fühlen sich letzten Endes doch mehr verknüpft mit der Masse der traditionell empfinden Ostjuden als mit Leuten wie M. A. Loeb und Alfred Wiener, die jüdische Gemeindearbeit nur von kleinlichem, lokalbegrenztem Gesichtsvvinkel aus betrachten, sie fühlen sich und ihre Interessen von jüdischen Politikern wie Goslar, Hornstein, Pick, Wolfsberg und den anderen besser vertreten als selbst von einem Manne, dessen wissenschaftliche und moralische Qualitäten und Meriten denen unserer Vertreter nicht nachstehen, der aber auf gemeindepolitischem Gebiet ein unbeschriebenes Blatt ist und der wohl auch selbst seine Stärke nicht gerade auf diesem Gebiete sucht. Aus diesen Gründen konnte die Volkspartei das Erbe der bisherigen konservativen Partei antreten, sie ist sich bewußt, daß sie außer dem der Misrachisten auch das Interesse der fiinfzehntausend oder mehr traditionell eingestellten Ostjuden, die sie gewählt haben, zu vertreten hat und wird auch noch das' Interesse der 1300 konservativen Wähler von vorgestern, die heute die ihrigen sind, ja, auch noch dasjenige der 1400 bis heute noch nicht zu ihr gehörenden Konservativen zu vertreten wissen, und letzteres trotz der vielen hämischen Bemerkungen, die der konservative Berichterstatter des „Israelit" — sicherlich in löblicher Absicht — an das Wahlergebnis knüpfen zu müssen glaubt. Die jetzt erfolgte Verknüpfung der gesamten konservativen Interessen mit denen der Volkspartei, die ausschließliche Vertretungsmöglichkeit solcher Interessen in der Repräsentanz durch die Vertreter der Volkspartei, wird es dieser noch zu höherer Pflicht machen, die Forderungen der Tradition nachdrücklich und konsequent zu verfechten. Nicht nur die Stimmen, die sie gewonnen hat, sondern auch die Verantwortung, die sie jetzt für die Wahrung des konservativen Gedankens trägt, betrachten wir als einen Gewinn für die Volkspartei. Es ist ein erfreuliches gemeindepolitisches Ergebnis, daß konservative und volksparteiliche Interessenvertretung jetet in einer Hand vereinigt sind. III. Das moralische Ergebnis. Die Volkspartei fühlt sich nicht geschlagen, der moralische Sieg ist doch auf ihrer Seite geblieben. Von 55 000 Inhabern von Synagogenplätzen haben 26000 ihr das Vertrauen ausgesprochen. Ihr Stimmenzuwachs kommt zu einem sehr großen Teil aus den Kreisen der Neuwähler, der Jugend, den Trägern der jüch\ sehen Zukunft, die ein lebendiges, ein die Gesamtheit umfassendes Judentum suchen, und es in den Gedankengängen der nationalen Partei fanden. Es ist doch auch ein gutes Symptom für uns, daß es den unsrigen nahestehende, oder zu den unsrigejfi führende Gedankengänge sind, die die aus j u. - gendlichen Liberalen zusammengesetzte Liste der positiv Liberalen ins Leben rief. Auch in den Reihen der heute noch vom liberalen Judentum nicht abgelösten Jugend empfindet man, daß- Palästina eine zentrale jüdische Aufgabe ist, der sich die Jüdische Gemeinde nicht entziehen darf. Auch dort erkennt man die großen Zusammenhänge und will ihnen Rechnung tragen. Der Volkspartei ist es gelungen, eine so stattliche Anzahl von Wählern zur. Urne zu bringen unter Verwendung von Geldmitteln, die in gar keinem Verhältnis stehen zu denjenigen, die die Liberalen opfern mußten. Etwa das vier- oder fünffache von dem, was uns die Wahl kostete, 'hat die liberale Partei ausgeben müssen. Denn unsere Wähler und besonders unsere jugendlichen Helfer arbeiteten um der hohen Sache willen, der sie dienen wollten, und es ist ein moralischer Erfolg, wenn man so viel Arbeitskraft aus Eifer für ein Ideal aufbringen kann. Aber der ausschlaggebende moralische Erfolg liegt für die Volkspartei darin, daß heute Klarheit geschaffen ist über den Weg, den ein so großer Teil der jüdischen Bevölkerung Berlins gehen wilL Und für die gesamte jüdische Welt ist es wichtig, gesehen zu haben, was die liberale Mehrheit will und wie sie die Aufgaben der Judenheit sieht. Bei uns Einspannen eines Teiles der Judenheit in den Aufgabenkreis der Allgemeinheit, Aufstellung von Forderungen, die das jüdische Leben weit spannen wollen, Einbeziehung der Gesamtheitsaufgaben in den Aufgabenbereich der Gemeinde, bei jenen Einiengung des jüdischen Lebens durch die lokal bedingten Aufgaben, Beschränkung des jüdischen Lebensbereiches auf Synagoge, Wohltätigkeit und — so paradox es auch klingen mag — Friedhof, Konzipierung eines kleinen, eines egozentrischen, eines altersschwachen Judentums, das der außerdeutschen Judenheit keine Anregung, kein Beispiel und keine Hilfe geben kann. Nach diesem Wahlkampf kennt die jüdische Welt die Gefahr, die das liberale Judentum für die Gesamtheit bedeutet, da es die Gesamtaufgaben negiert, da es sich regional in sich abschließt, in dem jüdischen Bruder nicht mehr den Bruder erkennen will, die jüdische

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