Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 12 (12.1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 154 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 154 Z I 0 N Nr. 12 der aber die neue Repräsentanz anderthalb Jahre lang verhinderte, ihr Amt anzutreten — eineinhalb! Jahre von den vier Jahren, die die Legislaturperiode dauerte, wurde es den gewählten Vertretern der Gemeinde unmöglich gemacht, den Willen ihrer Wähler auszuführen. Endlich konnte die Arbeit einsetzen, der Zionist Kareski ward Vorsitzender der Gemeinde. Es begann eine Arbeitsperiode ungeheurer Intensität. Alle Voraussagungen der Liberalen, die der Gemeinde eine Katastrophe unter der zionistischen Herrschaft prophezeiten, erwiesen sich als falsch. Unter der umsichtigen Verwaltung Kareskis erstarkte die Finanzkraft der Gemeinde zusehends, das pemeindeleben blühte auf, da die Gemeinde ihren Aufgabenkreis wesentlich erweiterte, das Armen wesen wurde zum Wohlfahrtswesen, ein mustergültiges Kaschruth wurde eingerichtet, der Jugendpflege wurde große Aufmerksamkeit gewidmet, das Schulwesen wurde verbessert, jüdischer gestaltet, ausgebaut, konservative Rabbonim von Rang wurden nach Berlin berufen, ein Beth Din in der Gemeinde eingerichtet, leistungsschwache Gemeinden in der Nachbarschaft eingemeindet und dadurch ihre Existenz gesichert, eine hebräische Sprachschule wurde unterhalten, ost- und westjüdische Synagogenvereine wurden unterstützt, der Anschluß der Gemeinde an die Jewish Agency wurde vollzogen und schließlich auch, leider nu'r in viel zu geringem Ausmaß, eine indirekte Förderung des Palästina-Aufbaus beschlossen durch Schaffung eines Lehrstuhls der Berliner Gemeinde 'an der hebräischen Universität in Jerusalem. In einem Satz zusammengefaßt, in den zweieinhalb Jahren, in denen die Volkspartei in der Berliner Gemeinde maßgeblichen Einfluß hatte, wurden alle jüdischen Interessengebiete einbezogen in die Arbeit der Gemeinde, sie war zu einer wahren Volksgemeinde geworden im Gegensatz zu der Religionsgemeinde, die vorher nur sehr notdürftig und ungenügend für synagogale und rituelle Bedürfnisse, für Religionsunterricht, für Spital und Friedhof und für das „Armenwesen" gesorgt hatte. Diese Erweiterung des Aufgabenkreises der Gemeinde bildete die geistige Unterlage für den Wahlkampf. Demagogie ist ein zu schwacher Ausdruck für die Art und Weise, in der von liberaler Seite in den Kreisen der Uninformierten, weil Uninteressierten, über die Erfolge und über die zukünftigen Absichten der Volkspartei geschrieben und gesprochen wurde. Aus den 15000 Mk. (eineinhalb pro mille des Jahresbudgets), die die Gemeinde in den zweieinhalb Jahren der volksparteilichen Arbeitszeit für Palästina bewilligt hatte, wurde der Beweis für die Verschwendung von Gemeindegeldern für palästinensische Zwecke, aus der Forderung nach Erweiterung des Schulsystems bis zur höheren Schule, für die in allen Großgemeinden heute Verständnis und Interesse besteht, wurde die Absicht, das deutsche Judentum in das Ghetto /zurückzuführen, aus dem volksparteilichen Appell an die ostjüdische Bevölkerung Berlins, ihr Wahlrecht auszuüben (etwa 20 Prozent der Berliner Gemeinde ist ostjüdisch) wurde die Gefahr der Beherrschung der Gemeinde durch die „Grenadierstraße" konstruiert. In einer jüdischen Wahlen gewidmeten. Versammlung konnte man Rufe: „Galizianer raus!'' hören, und das sind noch nicht einmal die schlimm1sten Exzesse ,die man sich in diesem Wahlkampf leistete, denn es ging so weit, daß die Naumann- Partei in Anschlägen an Litfaßsäulen ihren nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen Material dafür lieferte, daß deutsche Juden in der Ausweisung vom Ostjuden eine gute Tat sehen würden. „Ein Schlachten wars, nicht eine Schlacht zu nennen." Was wird das Resultat sein, wie wird es sich auswirken? Ein großer Teil des in den vergangenen zweieinhalb Jahren Geschaffenen ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Auch die liberale Mehrheit in der Repräsentanz wird es nicht riskieren können, die öffentliche Meinung durch Vernachlässigung der Jugendarbeit auf all ihren Gebieten vor den Kopf zu stoßen. Die Partei, deren Hauplprogramm während der Wahl die Rückentwicklung der Gemeinde zu einer reinen Religionsgemeinde gewesen ist, wird es trotz der Diktatorallüren, die von den Reformjuden der neuen Fraktion herausgekehrt wurden, nicht wagen können, die von den misrachistischen Volksparteilern aufgestellten Forderungen zur Erhaltung und Ausgestaltung traditioneller Institutionen abzulehnen. Und auch um andere Errungenschaften der vergangenen Aera braucht man nicht zu bangen, denn sie sind schon so fest verwurzelt im Bewußtsein weiter jüdischer Kreise, auch über die der Volkspartei hinaus, daß auch die liberale Herrschaft sich mit ihnen abfinden mußi. Schwerer wird es sein, den Geist, der in den Institutionen herrscht, zu beeinflussen und jüdisch zu gestalten. Hier wird die große Aufgabe der starken Opposition in der Gemeindestube liegen, das was besteht so zu beeinflussen, daß es der jüdischen Allgemeinheit richtig dient und nicht nur ein Scheinleben führt und eine Kultur vermittelt, die nicht die unsrige ist. Und auch diejenigen Forderungen, die in nächster Zeit keine Aussicht auf Durchsetzung haben, wie die nach der höheren Schule und die nach Unterstützung des Palästinaaufbaues, nach Uebernähme ostjüdischer Synagogen auf den Etat der Gemeinde, nach einem verstärkten Anteil von Ostjuden bei der Besetzung von Kommissionen, sind von der Volkspartei mit allem Nachdruck wieder und wieder zu stellen. Der Oeffentlichkeit muß in aller Deutlichkeit gezeigt werden, welche Aufgaben die Gemeinde hat, so daß sie erkennen kann, in wessen Händen das Schicksal der jüdischen Gesamtheit Berlins besser aufgehoben ist, in denen der Liberalen oder in denen der alles Jüdische positiv wertenden Volkspartei. Die Vertretung konservativer Interessen ist von