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Zion · 1930-06-01 · 6-7 (6.1930) · p. Seite 84

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
6-7 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 84 (sequence 18)
Language
German
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Seite 84 Z I 0 N Nr. 6/7 folgt, schick' ich Dir meinen Sohn zur Arbeit." Doch rasch tat der Schuldige Busse. Die Talpiothen wissen Abrahams Dienste zu schätzen. Wenn er zu Neujahr und' Pessach gratulieren kommt, liegt schon der Bakschisch für ihn bereit. Aber wie fühlt er sich auch mit Talpioth, seinen Sorgen, Freuden und Leiden solidarisch! Als er meine Frau betrübt vor dem Pfirsichbaum fand, der so kränkelt, weil ihm die Hungerkost des mit Mörtel versetzten Bodens schlecht behagt. tröstet Abraham sie wie ein Vater: „Mach' Dir nichts daraus, G'wereth: so hat es früher überall bei uns ausgeschaut in Talpioth. Xoch zwei, drei Jahre und die Erde in Deinem •Garten ist so schwarz und fett wie bei unserm' Muchtar" (damit meint er den Bürgermeister von Talpioth, Herrn Bankdirektor Dr. Levi). Und nun folgt die detaillierte Anweisung, wie den Garten zu düngen und zu pflegen. So sorgt der Bergjude Abraham für die Intensivierung der palästinensischen Landwirtschaft. Und schon ladet bei uns ein Grautier, das nicht nur nimmt, sondern auch bringt, so und so viel Ladungen Mist ab. denn auch alle Esel und Maultiere von Schamaa sind Abraham dienstbar. Auf die arabischen Vettern aber hat unser Freund es seit dem letzten Pogrom scharf. Hört ihr ihn schreien? Er erinnert soeben die Hirten von Sur Balvr, die wieder ihre Herden „harmlos'1 zwischen die Häuser von Talpioth treiben wollen, an ihre Ruhmestaten vom August. Und er duldet auch nicht. daß sich die. Fellachinnen mit ihren Gemüsekörben bei uns herumdrehen, da sie ja doch nur für den nächsten Raubzug spionieren wollen. Als neulich am Ausgang der Siedlung zum Bethlchemer Kwisch wieder einmal ein Talpiothe von einem arabischen Auto niedergelegt wurde, war es Abraham, der mit viel Lärm und Mut den Chauffeur solange festhielt, bis die Polizei kam und diesen — bis auf weiteres —' festnahm. Abraham betrachtet, trotz allein, die politische Lage mit Zuversicht. Denn der jüdische Gott ist natürlich mit uns. Xoch im Vorjahr hat ihm Abraham ins Beth Haknesscth von Schamaa zwei wundervolle Thorarollen zugebracht. Als vornehme Gäste wohnten ich und meine Frau diesem Volksfest bei, das wahrlich eine eigene Beschreibung verdiente. Da sah ich so recht, wie Abraham unter seinen Bagdadern und Marokkanern verehrt wird wie ein Patriarch. Vielleicht sind hier oben an der Brücke zum Gehinnom die Herren von der Shaw-Kommission gestanden. Und sie sahen von der Höhe europäischer Zivilisation auf Schamaa hinab: Schmutziges native-quarter — kein Vergleich zu Goldersgreen und Wimbledon! Wir aber sehen's anders. Wisset, dort in Schamaa unten wohnt Lea und Abraham, wohnen ihre Schwestern und Brüder, jüdische Menschen in Armut, aber in Schönheit und Kraft, auch sie ein Bollwerk, und nichti das schwächste, für das zukünftige jüdische Palästina. Palästina-Tagebuch. Ein Get. Der Zusammenstoß der durch den Zionismus vermittelten europäischen Zivilisation mit dem bisher ungebrochenen Leben der orientalischen Judengemeinden führt zu mancherlei Konflikten, Krisen und Tragödien. Nicht selten liegen sie auf denv Gebiete des Ehelebens, über das in den erwähnten Kreisen die rückständigsten, wahrhaft mittelalterlichen Vorstellungen gelten. Das gilt besonders für die Kinderehen, die z. B. bei den Jemeniten noch gang und gäbe sind. Dreizehnjährige Mädchen und eventuell noch jüngere werden ohne ihr Wissen an fünfzehnjährige Jünglinge verheiratet. Die körperlichen und geistigen Probleme solcher Ehen sind leicht vorstellbar: sie werden aufs äußerste verschärft, wenn einer der beiden Partner in irgendeine, meist ganz oberflächliche. Berührung mit dem europäischen Siltenkodex getreten ist und sich nun nicht mehr ohne weiteres in die alte Zwangsform fügen kann, die individuelle Wahl und Entscheidung im Grunde ausschließt. Das tritt vielleicht häufiger bei den Mädchen als bei den. Burschen ein: die Eltern ziehen aber keineswegs irgendwelche Konsequenzen für die Lebensgestaltung ihrer Töchter aus deren paar Schuljahren, sondern verheiraten sie häufig trotzdem so früh wie möglich, als ob sie niemals mit einer anderen Welt in Berührung gekommen wären. Und diese Vernachlässigung muß sich natürlich rächen. Es gibt Opposition, Ungehorsam, offene Auflehnung gegen Eltern und Mann, legale Vergewaltigung und .Schlimmeres. In solchen Fällen, die leider gar nicht selten sind, bleibt keine andere Möglichkeit als die Scheidung, deren Durchsetzung häufig durch den Widerstand des Mannes auf ernste Schwierigkeiten stößt. Die verschiedenen Frauenorganisationen haben sich im Zusammenwirken mit, den zögernd folgenden Rabbinatcn hier schon manche Verdienste erworben. Etwa in diesem Rahmen lag auch der Fall eines blutjungen jemenitischen Ehepaares, mit dem ich neulich befaßt wurde. Die Eltern der jungen Frau, sie selbst, ihr „Mann" —. alle waren, jeder für sich betrachtet, in irgendeinem Grade in ihrem Rechte, und alle hatten neben .schuldhaften Verfehlungen auch viel positive Charaktereigenschaften

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