Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 6-7 (6.1930)
- Date
- 1930-06-01
- Page
- Seite 83 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6/7 Z I 0 N Seite 83 horsam an. um sich hier auf dem heiligen Boden weitcrzuplagen. Gewiß, sie hätte wieder heiraten können, aber sollte sie ihre Kinder einem Stiefvater ausliefern?! Ein leiblicher Vater, das ist ein ander Ding. Drum kocht und wäscht sie noch nebenbei für Vater und Brüder. Nun sind die Kinder schon flügge und verdienen brav: die beiden Buben als Schlosserlehrling und -Geselle.;und ihre Tochter die Towah. als Hausgehilfin, die am Sabbath Seideniähnchen und Stutzschirm kokett zu (ragen weiß, trotz einer Wienerin. Freilich. Not und Arbeit haben userer Lea arg zugesetzt. Noch ist sie nicht fünfunddreißig und ihre Hände zittern. Nie aber hörst Du aus ihrem Mund einen Ton des Unwillens oder gar der Auflehnung. Auch Neid und Mißgunst liegen ihr weltenfern. Wohl geht sie in Häusern von Leuten ein und aus. die ihr fabelhaft reich scheinen und jedenfalls um so viel bequemer leben. Aber Lea sagt: ..Gott segne sie und alle jüdischen Kinder!" Leberhaupt ist alles, was sich unter diesem Himmel zuträgt von Gott geschickt und darum gut. Meiner Frau ist Lea mit rührender Treue ergeben. ..Sie ist m e i n e G'wereth". L7nd. als sich die beiden nach dem Pogrom heil wiederfanden, sanken sie einander weinend in die Arme., Nicht Puriin noch Canukkah vergeht, ohne daß Lea — -und wäre sie auch gerade arbeitslos — für Frau und Kinder ihre Matanoth bringt, stets sinnreich und zart und gewiß nie aus Berechnung. In jeder freien Minute kommt Lea aus den anderen Fläusern herüber, um sich mit ..ihrer G'wereth" auszusprechen. Doch wie verständigt sich das Hochdeutsch der Aschkenasim mit dem Spaniolisch der Sefardim? Wo ein Wille, da ist ein Weg. In einem sonderbaren Gemisch von Jüdisch und Iwrith tauschen sie ihre Neuigkeiten über die Kinder und Verwandten, über dies und das aus. Lea erzählt, wie sie gestern die Weiber ihrer Schechunah aufbot, um ein Judenmädel, das durchaus schon; Chassene haben wollte, und sei es selbst mit einem Goj, auszustatten und einem ..koscheren Schidduch" zuzuführen. Oder wie sie die ihr von meiner Frau überlassene alte Wäsche und Kleider unter die Armen in Schamaa verteilt hat. In diesen Gesprächen spielen die nationalen Sorgen nicht die kleinste; Rolle. Denn Lea ist auch glühende Patriotin. Nichts, was in Erez-Israel geschieht, entgeht ihrem brennenden Interesse. Sie wartet nicht, bis es in der Zeitung steht; sie weiß alles womöglich ein paar Tage früher und wäre darum der Palästina-Regierung zur Verbesserung ihres Nachrichtendienstes warm zu empfehlen. Alles aber sieht Lea nur unter dem einen Aspekt: nützt es dem jüdischen Volk oder schadet es ihm? Lea gehört keiner Fraktion an, doch hätten wir tausend solche Leas im Land, sie sollten unser nicht spotten! Abraham, wie sollst nun Du neben diesem Tugendspiegel Lea bestehen? Doch da kommt, er gerade die Herzlstraßc von Talpioth heraufstolziert. Viel ist freilich von seinem scharfgeschnittenen, sonnverbrannten Zügen nicht zu sehen, außer der Viel ist freilich von seinen scharfgeschnittenen. Schnauzbart, denn das andere wird von einer Art rolgeblumten. langfransigen Handtuche umwunden und verhüllt. Er trägt einen vergilbten Rock, der sicher einmal zur Garderobe eines westlichen Talpiothen gehörte: dafür bleiben Abrahams Pumphosen und die Sandalen an seinen nackten Beinen unverfälschter Orient: und neben ihm trabt als unzertrennlicher Gefährte sein Eselchen. Von wo hat diesen kuriosen Gesellen das Hallhorn der nationalen Erneuerung hergeholt? Von fern aus: Armeniens wilden Bergen, wo an den Grenzen der Türkei und des Iraks sich muslemische Kurden und christliche Nestorianer die Kehlen abschneiden, kam Abraham mit Kind und Kegel nach Jerusehalajim gewandert. Noch sind dem Geschiebe seines krausen Iwrith arabische und tartarische- Sprachbrocken beigemengt. Habt Respekt vor Abraham! Er ist kein bloßer Privatmensch, nein, er gehört neben dem Maskir. das ist unser ..Generalsekretär" Lipski. und; neben dem Schomer Elischa. der auf seinem Roß durch die nächtlichen Straßen Talpioths und durch meine Träume sprengt, zu den ..Kle Kodesch", den heiligen Geräten unserer Gemeinde. Ex steht in festem Sold Talpioths: drei Pfund für ihn und eines für sein Grautier bekommt Abraham monatlich oder — hat es zumindest beim Waad gut. Wessen aber ist sein Amt? Er wirkt, auf wienerisch gesagt, als Mistbauer. Von Haus zu Plans sammelt er die in den Pachini verwahrten Abfälle: Orangen-. Eier- und Bananenschalen, abgelebte Purimblaller. Kommissionsreporte usf.: das alles ladet er dem Eselchen auf. das es geduldig zur Verbrennungsstätte trägt. Doch Abraham hat es verstanden, seinen Kompetenzkreis mächtig zu erweitern. Er ist. kurz und bündig, der Verbindungsoffizier mit Schamaa. Er bringt die weiblichen und männlichen Hilfskräfte von dort herbei, er reguliert ..mit Zedek" die Preise und streng überwacht er das Verhalten seiner Proteges. Auch für unseren Garten stellte er. als die Regenzeit' zu Ende ging, zwei handfeste Jemeniten mit faustdicken Peoth, den spröden Gartengrund umzugraben. Und als einer von ihnen. Obadjahu. sich die verstärkte: Nachfrage zunutze machen wollte, den vereinbarten Taglohn von drei auf vier Schilling hochzuschrauben, da ergrimmte der gute Abraham: ..Ich werde es ihm geben — ani Awraham. Und wenn er nicht