Mannheim
Compact Memory

Zion · 1930-06-01 · 6-7 (6.1930) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
6-7 (6.1930)
Date
1930-06-01
Page
Seite 74 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3133276-3139335-3139341--0320-3139810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 74 Z I 0 N Nr. 6/7 gebilligt. Jedoch abgesehen davon, daß die Eltern häufig einseitige politische Erziehung ihrer Kinder nicht für erstrebenswert ansehen, weil der Bruch mit dem Elternhaus öfters direkt heraufbeschworen wird, erwies sich jjolitische Erziehung von Seiten der Jugend aus für unzweckmäßig, weil junge Menschen auf ihrem Recht auf Selbstentscheidung bestehen. Jetzt weiß ich aber, daß Herr Dr. Leibowitz diese Gruppen aus seiner einseitigen Einstellung heraus schuf. Er braucht sie im ideellen Sinne als Träger einer Idee, im politischen Sinne als Kampfmittel gegen die Esrajugend. Ich brauche: nur an die Leipziger Tagung zu erinnern, auf der er erklärte, daß es dem Kölner Misrachi bald gelungen sei. den dortigen Esra ..breitzuschlagen". Diese Hetzjagd auf die thoratreue Jugend, aus der dem Misrachi zum Teil beste Kräfte zufließen, läßt sich nur aus einer politischen Verblendung erklären. Dieser Kampfeinstellung gegen die andersdenkende Orthodoxie, die leider innerhalb des Misrachi nicht nur für Dr. Leibowitz charakteristisch ist, haben wir es mit zu danken, daß die Orthodoxie vor der Außenwelt auch in unpolitischen Fragen niemals als eine Einheit erscheint. Im Anschluß zum Beispiel an einen Vortrag über moderne jüdische Frauenfragen in Leipzig, konnte ich in der Diskussion feststellen, daß thoratreue Zionisten die Leistungen der übrigen Orthodoxie auf dem( Gebiete der jüdischen Frauenfrage herabzusetzen und zu zerpflücken suchten und dadurch vor den Liberalen und vor der Oeffentlichkeit Dinge, die für die Thora geleistet werden, kompromittierten. Wozu müssen den anderen die Augen für die Unebenheiten innerhalb der Orthodoxie geöffnet werden? Man gibt ja dabei seine eigene Unzulänglichkeit preis, wenn man zeigt, wozu einseitige politische Verblendung führt. Ich habe gezeigt, was mich innerhalb des Misrachi beängstigte. Es gäbe selbstverständlich Punkte genug, an denen auch das Lob einsetzen könnte. Ich sehe jedoch den Sinn dieser Blätter in einem gemeinsamen Hinwirken auf einen idealen Misrachi. „Zionistische" oder „nur jüdische" Erziehung. Chawer Leibowitz hat bereits zu den Ausführungen Rosenblüths in einem Sinne Stellung genommen, der im wesentlichen der Auffassung der Mehrheit im Zeire Misrachi entsprechen dürfte. Aktuell wird diese grundsätzliche Auseinandersetzung, wenn man die Konsequenzen, die sich aus Rosenblüths Auffassung über die weltanschauliche Stellung des Misrachi ergeben, betrachtet. Ist der Misrachi mit der übrigen Orthodoxie identisch, dann ist „misrachistische" Jugendarbeit ein Nonsens. Jeder Jugendführer, der sich seiner Verantwortung bewußt ist, wird es ablehnen, politische Differenzen auch in die Jugendarbeit hineinzutragen. Bestehen aber zwischen uns und der nichtzionistischen Orthodoxie wirklich nur politische und organisatorische Differenzen und bedeutet für uns Zeire Misrachisten das Bekenntnis zum Zionismus nur die Zugehörigkeit zu einer Organisation? Welche Gründe gibt nun Rosenblüth für den Eintritt des Misrachi in die Zionistische Organisation? Er sagt zu Beginn seines Artikels: „... aus der Tiefe seiner jüdischen Anschauung . . . glaubte man, Erez-Israel aufbauen zu müssen, weil nur dort die Thora das ganze Leben intensiv gestalten und daher nur dort in ihrer ganzen Echtheit erfüllt werden kann." Rosenblüth hat in diesem Satzej,. den er später leider nicht konsequent durchführt, eigentlich seine Auffassung selbst widerlegt. Aus der Erkenntnis, daß Thora ganz nur in Erez-Israel erfüllt werden kann, folgt nach meiner Auffassung, daß der Aufbau dieses Landes eine Schicksalsfrage nicht nur für das jüdische Volk, sondern auch für die Erhaltung der Thora darstellt. Der Aufbau Erez-Israels ist daher die zentrale Aufgabe des Judentums in unserer Zeit. Wenn wir das anerkennen, dann stellen wir allerdings die „Einmaligkeit unserer jüdischen Situation" in den Vordergrund. Rosenblüth hält das für gefährlich, aber wenn wir das, was auch ihm als Ideal vorschwebt, die Synthese zwischen dem: Alten und dem Neuen, erreichen wollen, dann bleibt uns kein anderer Weg. Rambam hat in seiner Zeit auch nichts anderes getan als das Judentum mit der Einmaligkeit seiner Situation in Einklang gebracht. Nur kann uns das, was seinem. Genie gelang, heute nicht mehr gelingen, weil unsere Situation heute komplizierter ist und die Einwirkungen der Kultur unserer Umgebung sich verschärft haben. Wollten wir Erez-Israel aus unserer Erziehung verbannen, dann verheimlichen wir den Jugendlichen' den Zwiespalt, der zwischen dem Willen zum; Judentum und seiner Erfüllung im Galuth besieht. Misrachistische Erziehungsarbeit ist darum so lange notwendig, als der Esra an seiner Parole: „Streben nach jüdischer Verwurzlung unabhängig von dem Erez-Israel- Ideal" festhält. Anstatt dauernd eine Zusammengehörigkeit mit Richtungen zu betonen, die in 'dieser Form gar nicht besteht, sollte auch der Esra einen Trennungsstrich ziehen zwischen sich und den Kreisen der Orthodoxie, die mit ihrer „thoratreuen" Einstellung die Zugehörigkeit zum „C.-V." vereinigen. (Oder fühlt sich auch Rosenblüth mit diesen Kreisen weltanschaulich eins?) Nicht die „Politisierung" ist unsere Gefahr, sondern die zunehmende Veräußerlichung und Verflaehung. Es ist unsere Aufgabe im Zeire-Misrachi, unsere Auffassung vom Judentum und Zionismus geistig zu vertiefen, dann werden wir auch trotz unseres

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.