Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 5 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 64 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 64 Z I 0 N Nr. 5 zitieren. Ich will mich auf die prinzipielle Auseinandersetzung mit denjenigen Tendenzen beschränken, die die zionistische Argumentation durch Idealisierung1 des Ghettos zu entkräften versuchen. Die Auseinandersetzung richtet sich auch gegen die midie Neo-Orthodoxie charakteristische Tendenz, den offenkundig gewordenen Zwiespalt zwischen dem wirklichen geistigen Leben des Galuthjudcn und der Thora dadurch zu überbrücken, daß man ein neues, geistiges Ghetto errichtet: man isoliert sich! und kapselt sich ein. weicht den Fragen, die viele der besten und wertvollsten unserer Zeitgenossen bewegen, bewußt aus. wagt nicht, den Dingen ins Angesicht zu sehen und züchtet unbewußte Heuchelei. Es ist nicht wahr, daß im historischen Ghetto oder im neuen Geistesghetto V o 11 j u d e n - t u m erhallen wurde oder erhalten werden kann. Ghettodasein bedeutet nicht Erhaltung der Thora schlechthin, sondern ein rein formales Erhalten der Thora durch Preisgabe aller derjenigen Lebensgebiete, d. h. Anwendungsgebiete der Thora, wo der Konflikt zwischen ihren Forderungen und der Wirklichkeit des Lebens unlösbar geworden ist. Ohne Voll-Lcben keine Voll-Thora! Das historische Ghetto, unter dessen Nachwirkungen wir noch heute leiden, darf nur "Djjns als Ergebnis eines historischen Zwanges, anerkannt werden; ein Gheltodasein nSnro'? als üaseinsform der Juden zu erstreben, erscheint uns ein Verbrechen. Dasselbe gilt für den Versuch, das Ghetto dort, wo es noch rudimentär existiert, zu perpetuieren. Die blinde Idealisierung des Ostens bedeutet Flucht vor der Wirklichkeit. Man weicht den schweren und unangenehmen jüdischen Problemen aus, indem man in der Anpassung an ein fiktives Volljudentum das Heil erblickt. Erich Rosenblüth läßt durchblicken, daß für ihn östliche Rabbonim so etwas wie eine absolute jüdische Norm bedeuten. Wir aber glauben, daß die Hinausdrängung aus der Sphäre der Wirklichkeit in die der abstrakten Idee das unvermeidliche Schicksal des gesamt e n galuthorienlierten Judentums ist. In soziologischer Hinsicht ist der Ostjude genau so einer nichtjüdischen Umwelt eingegliedert wie der Westjudc. Es hat dieser langen Ausführungen bedurft, um klar zum Ausdruck zu bringen, daß das Postulat Von Erich Rosenblüth, es bestehe kein Wesensunterschied zwischen uns und der nichtzionistischen Orthodoxie, nicht zutrifft. Es kommt eben entscheidend auf die Gemeinsamkeit des Willens in bezug auf die Realität an. Und hier muß klar ausgesprochen werden, daß wir etwas anderes wollen als die galuthorienlierte Orthodoxie. Wir halten die Konservierung des bestehenden Ycrfallszustandcs des Judentums weder für möglich, noch für erwünscht. Den außerzionislischcn „Bestrebungen um Stärkung der Thora", deren Bedeutung Rosenblüth hervorhebt, stehen wir skeptisch gegenüber, mögen sie noch so ehrlich gemeint sein und hin und wieder auch Einzelerfolge erringen: jeder Kampf für die Thora, der nicht von der Regenerierung des jüdischen Volkstums ausgeht, scheint uns ein Herumdoktern an Symptomen ohne Erfassung der Ursachen des Leidens zu sein und kann nicht dazu führen, das Leben selbst au'f Grundlage der Thora zu gestalten. Den Weg zu dieser entscheidenden jüdischen Aufgabe sehen wir im Zionismus, im Aufbau von Ercz-Israel. Es bedeutet — entgegen der Ansicht Rosenblülhs — keine Vertagung des Kampfes um die Thora und deren Vertiefung, wenn wir den Aufbau Erez-lsraels als d i c Gegenw artsaufgabc des Judentums proklamieren. Für uns liegt eben im Autbau unseres Landes und Volkstums schon die Erfüllung einer der wesentlichsten Aufgabein der Thora, einer Aufgabe, die unendlich groß, wichtig und dringend ist. Wir können uns keine ..nur jüdische" Erziehung denken, bei der det junge jüdische Mensch die Thora nicht unter dem Gesichtspunkt aufnehmen soll, daß sie durch das lebendige jüdische Volk in Erez-Israel zu verwirklichen ist u\\(\ daß ihr gegenwärtiger Zustand ..Gallith Haschchinah", d. h. akute Not der Thora, bedeutet. Die von Erich Rosenblüth erstrebte Schaffung eines ..engen persönlichen Verhältnisses zu Erez-Israel" genügt uns absolut nicht. Aber nicht nur aus prinzipiellen ideologischen Gründen, sondern auch aus praktisch-pädagogischen scheint uns die Betonung der zionistischen Grunderkenntnis für die Erziehung zur Thora unerläßlich. Gerade junge Menschen suchen stets nach den* Beziehungen zwischen den ideellen Werten, die sie kennen lernen, und der Wirklichkeit und spüren selir fein den Bruch zwischen Theorie und Praxis, zwischen Lehre und Leben, den auch Erich Rosenblüth gleich mir als das Verhängnis des heutigen jüdischen Daseins bezeichnet. Baut man Gallith und Assimilation theoretisch in das Judentum ein und e r k e mit d a m i t d e n g e g e n w artigen Status des Judentums als legitim an, sei es auch nur als Provisorium bis zu einer in unbestimmter Ferne liegenden Geulah, so bringt man den Jugendlichen in unlösbare Schwierigkeiten: ei' muß den Eindruck gewinnen, daß Thora etwas unwirklich-schattenhaftes ist, das keinerlei Beziehung zu seinem Sein hat: sie kennt seine Problem,!) nicht, er die ihrigen höchstens als Theorien. Die Folge ist entweder der Abfall oder die Flucht in eine fiktive, überzeitliche Thora unter Ignorierung aller Gcgcnwarts- und Lebensfragen. Demgegenüber klärt die zionistische Erziehung den Jugendlichen dahingehend auf, daß die vermeint-