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Zion · 1930-05-01 · 5 (5.1930) · p. Seite 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
5 (5.1930)
Date
1930-05-01
Page
Seite 63 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5 Z I 0 N Seite 63 Tatsache der Anerkennung der Thora schließt Rosenblüth demgemäß, daß zionistische und nichtzionistische Orthodoxie eine absolute Wesensgemeinschaft besitzen und sich nur dadurch voneinander unterscheiden, daß die einen gewisse „Konsequenzen in bezug auf die heutige Zeit" gezögert haben, die die anderen nicht anerkennen. In dieser Betrachtungsweise scheint mir ein logischer Irrtum zu stecken. D i e Thora, die „einen nur absolut zu fassenden Gehalt" darstellt, kann nicht gleichzeitig einen „ganz bestimmten" Gehalt haben; sie hat eine transzendente Existenz und keine direkte Berührung mit der materiellen Wirklichkeit und stellt gewissermaßen die rein statische Seite der jüdischen Religion dar. Die „Forderung an jeden einzelnen" kann nur von der dynamischen Seite der Thora ausgehen, und diese ist keineswegs von „Bedingungen" abhängig, da sie überhaupt nicht etwas eindeutig G e g e b e n e s ist, sondern erst durch die Verwirklichung Existenz und Form gewinnt. Die entscheidende „Bedingung" yist nach unserer Ueberzcugung das jüdische Volkstum. Nur i rn jüdischen Volkstum und durch jüdisches Volkstum wird „Thora" Wirklichkeit. Mit dem Zerfall jüdischen Volkstums wird „Thora'' gegenstandslos. Dieser Gesichtspunkt wird durch den Hinweis Rosenbliiths auf die absolute und ewige „Gültigkeit'' der Thora nicht entkräftet, ja, nicht einmal berührt. Es ist unsere Ueberzcugung, daß für das „traditionelle Judentum", solange es lebendig war, das jüdische Volkstum im Begriff „Thora" mit eingeschlossen war. Der Zionismus hat für den thoratreuen Juden diese Frage lediglich neu formuliert und präzisiert. Von ihrer Bedeutung hängt Entscheidendes ab: lehnt man die zionistische Forderung ab, so hat man nicht nur — wie Rosenblüth glaubt — eine Inkonsequenz begangen, ohne an den Grundlagen zu rütteln, sondern hat u. E. der Thora die alte Grundlage genommen und muß ihr einen neuen Sinn geben. Die Differenz betrifft also den entscheidenden Ausgangspunkt. Wenn Rosenblüth unsere Weggemeinschaft mit den anderen Zionisten als etwas Zufälliges hinstellt, so könnte man mit ebenso großem Recht unsere Uebereinstimmung mit der separatistisch-antizionistischen Orthodoxie als nicht wesensbedingt, sondern als zufällig auffassen. Die Frage, inwiefern jüdisches Volkstum Voraussetzung eines Thorajudentums ist, ist das Hauptthema der Auseinandersetzung zwischen Zeire Misrachi und Esra und soll daher hier ausführlicher von unserem Standpunkt aus behandelt werden, gleichzeitig mit der Forderung Rosenbliiths, junge Menschen unabhängig von jedem „politischen Zionismus" zunächst „nur jüdisch" zu erziehen. Die präzise Fiagestellung lautet: Kann dasjenige, was wir heute als Produkt von Galuth, Ghetto und Assimilation als gegeben vorfinden, überhaupt noch als „jüdisch" gelten? Bedeutet es ein jüdisches Ideal oder auch nur notdürftigste jüdische Pflichterfüllung, wenn man die jüdisch-religiöse Idee und Praxis, wie man sie heute vorfindet, einfach bejaht? Wir glauben diese Frage mit einem klaren ..Nein" beantworten zu müssen. Wir glauben, daß es dem Wesen und dem Sinn der Thora widerspricht, wenn sie nicht das Leben gestaltet, sondern in einem durch den nichtjüdischen Lebensraum (im materiellen und im geistigen Sinne) bestimmten Leben irgendwie zur Anwendung gebracht wird. Jeder von uns — ob religiös oder nichtreligiös, ob brlhodox oder liberal — führt ein nichtjüdisches Dasein: ökonomisch und sozial in eine Gesellschaft eingegliedert, deren soziologischer Aufbau unabhängig von uns zuslandegekommen ist: wir sind h\ Handel und Wandel nicht nur de facto fremden Gesetzen und Normen unterworfen, sondern es ist sogar auf die Dauer unmöglich, nicht selber innerlich die Dinge mit fremden Maßstäben für Gut und! Böse, Recht und Unrecht zu messen. Wissen und Fühlen, Denken und Geschmack sind nichtjüdisch bestimmt. Alles, was wirkliches Leben ausmacht (im materiellen wie im ideellen Sinn), muß für den Galuth-Juden nichtjüdisch sein. Daneben muß der W i r k 1 i c h k e i t s c h a r a k t e r der Thora, auch wenn man sie mit ganzem Herzen und ganzem Willen bejaht, immer mehr verblassen: daran kann auch die Erfüllung aller Vorschriften des Schulchan Aruch nichts ändern. Wer sich noch an die Thora klammert, kann sie doch nicht lebe n, sondern bestenfalls n e b e n sei n e in Leben betreiben. Selbst wenn wir von allen praktischen Schwierigkeiten oder gar Unmöglichkeiten der Verwirklichung absehen, kann die Thora für den Juden, der nicht in einer durch sich selbst existierenden jüdischen Gemeinschaft lebt, objektiv nur ein geistiger, moralischer oder ästhetischer Sport sein, auch wenn sie ihm subjektiv mehr bedeutet. Das Plus des bewußten Juden gegenüber dem Assimilanten kann nur in einem Plus an Willen z u in Judentum, an jüdischem Bewußtsein bestehen: das Plus an jüdischem Sein — und darin liegt auch das Wesen der Thora — muß minimal bleiben. Diesen Ausführungen wird Erich Rosenblüth entgegenhalten, daß wir die ..Einmaligkeit und Eigentümlichkeit der heutigen Situation in den •Mittelpunkt stellen und alle anderen Werte (des historischen Judentums) ihr unterordnen." Ich will hier nicht auf das Widersinnige einer mehr vergangenheitsals gegenwart.-.- und zukunftsorientierten, also wirklichkeitsfremden, thoiagemäßen Haltung, tingehen; es läge nahe. JeäcliajuU 8, ly zu

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