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Zion · 1930-04-01 · 4 (4.1930) · p. Seite 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
4 (4.1930)
Date
1930-04-01
Page
Seite 47 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4 Z I 0 N Seite 47 weisen sind, sind letzten Endes relativ einfach: dadurch, daß das Judesein aufgehört hat ausschließlich religiöse Angelegenheit zu sein, und begonnen hat, nationales Schicksal zu werden, —■ nationales Schicksal nicht: nur als objektiv historische Gegebenheit, sondern als subjektiv erschaute Erkenntnis — ist der seelische Ort des jüdischen Menschen vollkommen verändert. Wirkliches Schicksal der Gemeinschaft, das nicht nur die wirtschaftliche Position oder die soziale Stellung des Einzelnen zum Problem macht und dadurch gelegentlich unmittelbar erschüttert, bringt in fast jedem Moment dem individuellen Träger zum Bewußtsein, daß jeder jüdische Bezirk von ungeheurer Lebenswichtigkeil auch für ihn persönlich ist. Der als Individuum sich fühlende Orthodoxe von früher — ich meine Menschen der Neuorthodoxie, nicht Menschen alter Zeit, deren Zugehörigkeit zur Gesamtheit unbewußt feststand — konnte nur in Momenten intensivierten Lebensgefühls erkennen, daß sein eigenstes Schicksal in jedem Moment unmittelbar bedeutungsvoll für die Gesamtheit ist, und daß wiederum die Geschicke der Gesamtheit ihn keinen Moment freigeben. Man darf nicht meinen, daß selbst in der deutschen Orthodoxie, die ständig zu vielen Opfern bereit war, und in nreon pnpi es ki'um fehlen ließ, es auch nur einigermaßen zahlreiche Menschen gäbe, deren jüdisch-religiöses Empfinden so gesteigert wäre, daß es einen Ersatz bieten könnte für die mangelnde nationale Bindung. Ich glaube, daß hier die Wurzeln für einen erheblichen Teil der Ursachen liegen, die zu einer solchen objektiven- Schwäche der Orthodoxie in der Diaspora geführt haben. Die unbefriedigenden Verhältnisse im Kulturellen wurzeln natürlich zu einem erheblichen Teil in den Gegebenheiten der Umwelt. Es wird vielen unmöglich sein, auf beiden Gebieten: in der Thora und in der modernen Kultur gleichzeitig nennenswerte Kenntnisse zu sammeln, derart daß diese Kenntnisse sich zu einem einheitlichen Bilde, zur Bildung zusammenfügen könnten. Aber auch hier glaube ich, daß die Einfügung des nationalen Faktors die Dinge sehr wesentlich umgestaltet. Vielleicht nicht im Sinne sichtbar gesteigerter geistiger Leistung. Die Außenwelt, d. h. die außerhalb unserer Reihe Stehenden, werden vielleicht vergebens, selbst wenn sie wohlwollend sind, nach besseren Resultaten in unseren Reihen suchen. Aber hier genügt es, daß wir überzeugt sind und es in uns fühlen, daß uns die Zugehörigkeit zu der großen Renaissance-Bewegung im Innenleben reicher macht, auch mit Rücksicht auf das eigentliche Kulturelle, insbesondere bei der Entstehung eines Eigentons unserer kulturellen Art. Das hat die Orthodoxie nicht erkannt und das kommt insbesondere in Elias' Ausführungen zu so befremdlichem Ausdruck, daß Erez-Israel sowohl als Naturgegebenheit, als auch in seiner umwälzenden Bedeutung für jüdisches Leben und Denken — aus all den Anstößen, die ebjn die Heimat mit ihren Möglichkeiten, und hier eben mit ihren jüdischen Möglichkeiten, aus Vergangenheit und Gegenwart und den Hoffnungen der Zukunft gibt — die geistigen Probleme der modernen Judenheit völlig umlagert. Es ist selbstverständlich völlig richtig, und wird von mir am allerwenigsten geleugnet werden, daß auch Palästina die schweren Konflikte zwischen moderner und überlieferter Kultur nicht mit einem Schlage beseitigt, wohl aber tritt der Komplex Palästina in die Gesamtheit der vielen Elemente ein, die die heutige kulturelle Situation des traditionellen Juden bestimmen, und kompliziert nicht etwa diese Situation, sondern bringt einen Ausgleich zustande. Zunächst im Sinne einer Normalisierung: Menschen werden aus der unnatürlichen Situation befreit, daß sie entweder nur theoretisieren, und nicht immer mit zureichenden Kräften, und, was nicht unwichtiger ist, es wird die ungeheure, ja unerträgliche Spannung zwischen dem oft im jüdischen Sinne wertfremden, wenn nicht wertlosen Berufsleben und dem Jüdischen zugewandten Denken, die ja so charakteristisch für unsere Gahithgeschichte ist. stark herabgemindert, wenn nicht gar beseitigt. Es ist mir unverständlich, daß Menschen an diesen Tatbeständen völlig vorbeigehen. Ueberall erkennen Soziologen, welche Bedeutung Faktoren dieser Art haben, nur unsere Theoretiker glauben, daß das alles völlig gleichgültig sei. Vielleicht liegt gerade auch darum in der Heimkehr nach Palästina etwas Providentielles, weil mit relativ einfachen Mitteln hier eine Entwicklung umgebogen wird, die empirisch unerträglich ist und über kurz oder lang zum Zusammenbruch führen müßte. Die Beschäftigung mit dem Schicksal unseres Landes und Volkes, die Arbeit am Boden, das Handwerk, all das was wirklich als rvpa nuoi« bezeichnet werden kann, bedeutet eine Gesundung des Volkes überhaupt, weil es eben zum Realen wieder hinlenkt und ergibt auch seelisch eine Möglichkeit in in der Lösung weiter zu gelangen als bisher. Es ist nicht möglich vorauszuschauen, welchen Beilrag Palästina zur Klärung der großen geistigen Konflikte liefern wird, aber ich warne die Orihodoxie. so verächtlich an einer Chance vorbeizugehen, die hier sich auftut und ihr gewiß in ihrer schweren Situation nicht unerwünscht sein sollte. Es ist leider in diesem Zusammenhang nicht angängig, auch meinerseits zurückzuschauen und die Bewegung seit Hirsch in Deutschland und anderwärts zu prüfen. Ich muß mich auf einige An-

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