Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 39 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Z I O N Seite 39 Konkurrenz aussehen. Außerdem finden zahlreiche Lernkurse statt, auch eine besondere Jeschiwah für junge Leute ist angegliedert. Am Abend bin ich bei einem Arzt-Ehepaar. Der Hausherr ist streng konservativ, wir sprechen bei Tisch über die Herkunft gewisser neuhebräischer Redensarten aus T'nach und Talmud und ziehen dauernd Wörterbücher oder Texte zu Rate. Dabei kommt es für ihn überhaupt nicht in Frage, sich etwa dem Misrachi anzuschließen; er neigt viel eher zur Arbeiter-Organisation. Merkwürdiges, durchaus nicht ganz vereinzeltes Symptom. Sabbath früh in der großen sephardischen Synagoge, die gleichfalls noch im Bau ist, d. h. von der Kuppel sieht man nicht viel mehr als das Gerüst. Innen ist sie aber schon benutzbar,, kleiner und auch weniger geschmackvoll als die beiden gestern besichtigten aschkenasischen Synagogen, doch dafür mit sehr geordnetem Gottesdienst und einer hübschen Neuerung: zwischen Aron hakodesch und Almemor sitzt ein Knabenchor, der ausschließlich aus Schülern besteht und übrigens von einem aschkenasischen Dirigenten geleitet wird. Es herrscht eine sehr würdige, etwas kalt-formale, zugleich aber doch auch familiäre Stimmung: als irgendwo jemand, übrigens ganz leise, spricht, hebt Raw Usiel, der sephardische Oberrabbiner Tel-Avivs. der zurzeit auch seinen erkrankten Kollegen Aronsohn vielfach vertritt, von seinem Rabbinalssitze aus den Zeigefinger und sagt, gleichfalls ganz leise, doch mit augenblicklicher Wirkung: r.Scheket!'4 (Ruhe!) Der Gottesdienst weist die bekannten sephardischen Eigentümlichkeiten auf: im Mittelpunkt steht also das feierliche Herumtragen der in schönen Kreisgehäusen autbewahrten Thorarollen vor und nach der Thoravorlesung. Bei diesen Umzügen, die von skandierendem Gesänge begleitet sind, werden die Thorarollen auch an die Frauengallerie so dicht herangetragen, daß die Frauen sie küssen können. Darin besteht, soweit sie. was nicht selten der Fall ist. nicht hebräisch lesen können, ihr gesamter Gottesdienst: sie folgen aber auch allem übrigen mit gespannter Aufmerksamkeit und in vorbildlicher Ruhe. Die Typen der Beter sind recht verschiedenartig: man sieht neben offenbar wohlhabenden Kaufleuten levantinisch-europäischen Typs auch Jemeniten in ihrer orientalischen Tracht und mit dem Tarbusch. Der Sohn eines solchen Mannes wurde gerade Barmitzwah und ..leinte" den ganzen Wochenabschnitt mit großer Genauigkeit. Neben den bekannten kleinen Unterschieden im Ritus, die vor allem in einer anderen Stellung der Psalmen des Morgengcbeles und in der besonderen Hervorhebung bestimmter Stücke bestehen, fällt noch auf, daß jeder, der aufgerufen worden ist. beim Hinuntersteigen vom Almemor einen Rundgang durch die Synagoge macht oder sich doch gegen den Rabbiner und die übrigen Beter verneigt, wobei er die Worte spricht: ..Baruch! Chasak!", die man ihm ebenso zurückgibt. Hier mag wohl auch der bei den Aschkenasim bekannte Brauch mitspielen, beim Hinaufsteigen zum Almemor den kürzesten Weg zu wählen, um möglichst schnell zur Thora zu kommen, während man beim Verlassen den längsten Weg zu seinem Platze wählt, um möglichst lange in ihrer Nähe zu bleiben. Zu Tisch bei chassidischen Juden eingeladen, "genauer: bei einem Chabadnik. Einfach-schönes, patriarchalisches Haus, drei Generationen um den Tisch, viele Kinder, fröhliches Stimmengewirr, Fragen, Lachen, ernste Unterhaltung. Ich prahle mit meinen Kenntnissen aus dem ..Tanja", dem religionsphilosophischen Hauptwerk des Gründers der Chabad-Gruppe, Rabbi Schneur Salman von Ladi: ich habe in dem herrlichen Buch vor einiger Zeit gelernt. Da taut der Hausherr auf, erzählt, wer alles aus Chabad-Kreisen stammt: Bialik. Dizengoff, sogar Mossinsohn. Wenn sie auch heute weit davon sind! Zum Schluß erzählt er eine schöne .,Thora' "zu „Baruch scheamar whaja haolam": wir Menschen können ein Wort, das wir . einmal gesprochen haben, nie mehr zurückholen: es hat sein Eigenleben gewonnen und ist unabhängig von uns, seinen Urhebern geworden. Anders Gott. Er könnte sein schaffendes Wort, dem die Erde ihr Entstehen verdankt, täglich wieder zurückziehen. Daß er es nicht tut. ist ein täglich erneuter Gnadenakt, für den wir täglich neu zu danken haben, „denn er erneuert an jedem Tage die Welt in seiner Güte". Für den Nachmittag habe ich einen Vortrag im ..Oneg Schabbath" zugesagt. Der Weg dahin führt durch eine Straße mit vielen, zum Teil prachtvollen Neubauten von Genieinschaftsgebäuden: Fladassah. Gesundheitszentruni von Nathan Strauß u. a. Auch der ..Oneg Schabbath" oder richtiger die ihn tragende Gesellschalt ..Ohel Schern" hat sich dank der Freigibigkeit ihres Mitbegründers, des Fabrikanten Blum, ein eigenes wunderschönes Heini errichten können, das vor allem einen auch für europäische Verhältnisse riesenhaften Vortragsraum besitzt: er faßt, zusammen mit der kleinen Gallerie, über 1200 Silzplätze. Das schönste aber ist. daß diese 1200 Sitzplätze nun auch wirklich allsabbathlich besetzt sind. ja. daß jedesmal Hunderte von Menschen, die nicht sehr zeitig gekommen sind, unverrichteter Sache wieder umkehren müssen. Das war auch diesmal so. obwohl der Gegenstand des Vortrages zwar wichtig genug, aber vorläufig in Palästina auch unpopulär genug war. er galt F r a n z Rose n z w e i g. Der Saal ist mit bequemen Stühlen ausgestattet, vorne aber wird er durch die ganze Breite hindurch von einem weißgedeckten und mit Obst hergerichteten Tisch gequert. an dem die eingeschriebenen und zahlenden Mitglieder der Gesellschaft. ..Ohel Schein" gleichsam ihre dritte Sabbathmahlzeit nehmen. Ein erhöhter Stuhl in der .Mitte ist dem jeweiligen Redner oder dem beinahe niemals fehlenden Präsidenten und Leiter vorbehalten: Bialik. Vor dem Vortrag wird ein kurzes Lied gesungen, nach ihm tritt ein sehr geschulter Chor in Funktion, der mitlen im Publikum sitzt und es dadurch zur eigenen Aktivität bringt. Jeden Sabbath wird ein neues Lied mit Text und Noten verteilt, das bis zum nächsten Male möglichst gelernt werden soll, während der alte Bestand jeweils wiederholt wird. Es handelt sich fast ausschließlich um religiöse Texte und Melodien; trotzdem sitzt nur ein gewisser Teil des Publikums mit Kopfbedeckung. Wenn es ganz dunkel geworden ist. pflegt Bialik selbst zu sprechen: er tat es auch diesmal mit erstaunlich verständnisvollen Worten für die deutsche Orthodoxie, als deren verschiedenartige und doch verwandte Typen er in erweiterndem und vertiefendem Anschluß an meine Ausführungen S a m s o n R a p h a e 1 H i r s c h und N e h e m i a N o b e 1 feierte. Dann folgten wieder Lieder, und unterdessen ist die Nacht völlig]