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Zion · 1930-03-01 · 3 (3.1930) · p. Seite 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
3 (3.1930)
Date
1930-03-01
Page
Seite 40 (sequence 14)
Language
German
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Seite 40 Z I 0 N Nr. 3 hereingebrochen: 1200 jüdische Menschen erwarten singend die neue Woche. Ich mußte an Rosenzweigs Sabbath-Dämmerstunden denken, von denen ich neulich hier erzählt habe, und wie ihn das hier treuen würde. Dann, endlich: Hawdalah! Alles setzt die Hüte auf,, und im Augenblicke, wo die mächtige Stimme des Vorsängers das Wort ..Licht!" ausspricht, flammt die elektrische Beleuchtung auf. Das ist, wie ich mir habe sagen lassen, gleichfalls an jedem Sabbath dasselbe, erregt aber immer wieder neue Freude, als sei's am ersten Tag. Schließlich wird noch in einer Ecke Maariw gebetet, unter Beteiligung derer, die darauf Wert legen. Es sind in diesem Kreise offenbar nicht allzuviele. aber seine Absicht ist ja auch gerade, solchen Menschen den Sabbath wieder näher zu bringen, die ihn sonst kaum mehr als geistigreligiösen Mittelpunkt empfinden würden. Bialik hat hier Großes geleistet. Nach dem Vortrag: Zusammensein mit den Jurigens aus Rodges, die eigens von Petach Tikwaüi herübergelaufen sind. Die Ansiedlung beginnt, die Bodenfrage ist gelöst, die Menschenfrage auch, fehlt nur noch das Geld. Und nicht einmal das ganze! W i rd der deutsche M i s r a c h i uns mit dem Rest im Stiche lassen? So fragen sie. Ich kann die Frage nur hier weitergeben. Am nächsten Morgen. Sonntag, vor der Rückreise nach Jerusalem: Besichtigung des neuen Heimes, das sich der Hapoel Hamisrachi errichtet hat, und zweier Fabriken. Zuerst das neue Heim: es ist ein wirklich schönes, bisher einstöckiges Haus, an dessen Oberstock man aber bereits baut. Auch architektonisch sehr geschmackvoll: .,Auf Säulen ruht sein Dach." Innen: eine Synagoge mit einem Aron Hakodesch, wie ich ihn so schön und zugleich so einfach beinahe noch niemals gesehen habe: aus hellem, poliertem, edel geschwungenem Holze, und natürlich Arbeit eines Genossen. Und dies gilt für das ganze Haus, mit seinen Klub-, Bibliotheks-, Büro-, Aufenthalts- und großen Vortragsräumen: es ist mit sehr wenig Geld und großem Opfermut von freiwilligen Arbeitstagen der Chawerim und zum Teil von Arbeiten, die in der Krisenzeit der vierten Alijah zum Entgelt für die Arbeitslosen-Unterstützung geleistet wurden, aufgebaut worden. Ueberhaupt scheint in Tel- Aviv die Organisation vorwärts zu kommen: sie hat in den letzten Monaten 80 neue Chawerim gewonnen, hält regelmäßige Kurse über Probleme des jüdischen Rechtes und über Geschichte des Chowewe-Zionismus und läßt allwöchentlich eine ,.mündliche Zeitung" verlesen, deren hohes Niveau zahlreiche Gäste aus anderen Organisationen anzieht. Zugleich bezeichnend und erfreulich ist, daß die hier schon erwähnte, vor einiger Zeit in Tell- Aviv stattgehabte und aus Judaea und Jerusalem stark besuchte Tagung des Hapoel Hamisrachi etwa folgende Fragestellung zeigte: wir haben die letzten Jahre zur Bestimmung unserer sozialen Ideologie und zur Festigung unserer wirtschaftlichen Position benutzt: es wird Zeit, daneben auch die spezifisch religiösen, moralischen und geistigen Seiten unserer Bewegung stärker in den Vordergrund treten zu lassen. Das ist freilich bisher nur ein erster Anstoß, aber auch er soll begrüßt werden. Die beiden Fabriken haben für unseren Leserkreis wohl deshalb ein spezielles Interesse, weil sie die wirtschaftliche Aufbauleistung gesetzestreuer Juden in Palästina an zwei Beispielen illustrieren können. Da ist zunächst die recht bedeutende Ofenfabrik des Herrn Vetter, eines frommen polnischen Juden links-agudistischer Richtung, der eine geniale Erfindung des (gleichfalls gesetzestreuen) Ingenieurs Pariser (übrigens Erfinder des Reißverschlusses) zur besseren Auswertung des für Palästina so wichtigen Petroleums gemeinsam mit dem Erfinder wirtschaftlich verwerten will. Es ist bereits gelungen, ganz große Oefen für Massenspeisungen usw. herzustellen und abzusetzen. Die betreffenden Patente sind in fast allen europäischen Kuhurstaaten patenlamtlich geschützt, augenblicklich denkt man daran, eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 100000 Pfund zu begründen, da auch das Ausland sich wegen der unvergleichlich billigeren Verbrennungskosten für die Modelle zu interessieren beginnt. Ein großer Teil der Arbeiter gehört dem Hapoel Hamisrachi an; alle Arbeiter versammeln sich nach Abschluß ihres Tagewerkes zum Minchagebet. Die zweite Fabrik, die ich noch sehen konnte, ist viel kleineren Umfangs und jüngeren Ursprungs« verdient: aber auch Beachtung. Sie verdankt ihre Entstehung!der Initiative einer gesetzestreuen jungen Dame aus Bremen, die mit zunächst ganz geringen Mitteln eine Fabrik für Celluloidwaren, vor allem Kämme und Spielwaren, unter dem Namen ,.Cellotel" gegründet hat. Auch dieses Unternehmen scheint gute Chancen zu haben und dürfte gleichfalls das Ansehen des gesetzestreuen Elementes als eines produktiven Aufbaufaktors zu seinem bescheidenen Teile stärken helfen. Ich habe im Vorstehenden aufgeschrieben, was ich sah und hörte, und nur das Notwendigste an. Reflektion hinzugetan. Zum Schluß aber stehe noch eine merkwürdige Tatsache, die das Problem Tel-Aviv wohl noch zentraler beleuchtet als alle bisher wiedergegebenen Einzelbeobachtungen. Auch in diesem Jahre sollte nämlich wieder der schon zur Tradition gewordene Purimfestzug stattfinden, sollte wiederum eine „Schönheitskönigin Esther" — gleichsam als umgekehrte l Königin Waschti, die ihre Schönheit dem Volke zeigen will — den Zug schmücken, und sie sollte diesmal sogar nicht nur aus einer lokalen Tel-Aviver. sondern einer allgemein palästinensischen Konkurrenz als Siegerin hervorgehen. Da erhob sich beinahe gleichzeitig doppelter Einspruch aus zwei sehr entgegengesetzten Ecken: die Leiter der Jeschiwoth in Jerusalem, die zum guten Teil aus der ..Knesseth Jisrael" ausgetreten sind, veröffentlichten ein sehr scharfes Flugblatt, in der sie das unjüdische des Planes geißelten, und die Zeitung der Arbeiterschaft, der ..Dawar'-, protestierte ebenfalls, da die Zeiten allzu ernst und die Lage noch allzu schwer sei, um diese auch an und für sich unerwünschte und an fremde Vorbilder assimilierte Lustbarkeit zu rechtfertigen. Diesem Druck der öffentlichen Meinung von rechts und links gaben die Veranstalter des Festzuges und der Schönheitskonkurrenz nach, und Tel-Aviv wird diesmal seit langen Jahren zum ersten Maie einen stillen Purim haben. Vielleicht wird es sein schönster Purim sein! E. S. Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Verlag des „ZION": Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. — Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 6g.

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