Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 3 (3.1930)
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 33 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Z I 0 N Seite 31 sich vorzustellen, daß im Rußland der Sowjets jüdischem Leben Freiheit und Eigengesetzlichkeit zugebilligt würde. In der Welt der Wirklichkeit ist dem aber nicht so, vielmehr hat nunmehr eine Epoche begonnen, die, wie es scheint, einen rücksichtslosen Vernichtungskampf gegen die innerjüdische Welt führt, gegen all die Elemente des Judentums, die nicht bereit sind, alles an Eigenem1 preiszugeben, was nicht ganz unmittelbar lediglich dem Bolschewismus dienstbar gemacht werden kann. Uns Juden kann der Gedanke auch keinen teilweisen Trost geben, daß sich der Vernichtungswille nicht gegen uns allein richtet, sondern alle Konfessionen bzw. Kirchen treffen will. Es ist nicht unsere Sache und unsere Aufgabe, das Daseinsrecht anderer Bekenntnisse zu untersuchen. Nicht wie wir diese oder jene Religion bewerten, ist hier entscheidend, sondern allein der Gesichtspunkt, daß allüberall Menschen von tiefen Ueberzeugungen gewaltsam losgerissen und daß Objektivationen religiöser Ueberzeugungen, die sich im religiösen Kultus und in den künstlerischen Schöpfungen des religiösen Lebens darstellen, der Vernichtung anheimgegeben 'werden. Insofern mit religiösen Ueberzeugungen Aberglauben verbunden ist — und es ist kein Zweifel, daß manchem Bekenntnis in Rußland solche Atavismen anhaften — muß Belehr u n g und Aufklärung zur Beseitigung dieser Schlacken führen. Die Art aber, in der in Rußland mit den Schlacken auch wertvollster seelischer Besitz vernichtet wird, rechtfertigt nicht im geringsten die Zerstörung, die dadurch im Herzen so vieler Menschen angerichtet wird. „Die Religion ist Opium fürs Volk" — mit diesen gehässigen und dazu sehr flachen Worten ist über ein Jahrzehnt der Boden vorbereitet worden, auf dem jetzt in der Aera Stalin neben anderen konsequenten Aktionen auch der Kampf gegen die Religion und andere als kontrarevolutionär perhorreszierte Werte geführt wird. Ich will hier nicht die Gegenfrage stellen, wieviel Dogmatismus und narkotisches Gift in dem Bekenntnis der Bolschewisten steckt. Wir halten uns an das, was unzweifelhaft und bis in's Tiefste aufwühlende Tatsache ist: daß in Rußland, dem heutigen Rußland der 3 Millionen Juden, jetzt mit Entschlossenheit und mit einer Energie, die die jüdische Sektion gegen ihre Brüder immer aufzubringen bereit war, alles, was das Judentum dieses Landes erfüllt und ausgezeichnet hat, endgültig vertilgt werden soll. Noch einmal bedenke man, was das jüdische Rußland für die jüdische Welt war: hier blühte eine besonders innige Form der jüdii sehen Religiosität, die in Gestalt des T'sn Chassidismus sehr lebenskräftig war, der russische Zionismus hatte im Rahmen der Gesamtbewegung besondere Geltung, in Rußland war die Wiederbelebung des Hebräischen mehr als irgendwo anders gediehen, und nirgends gab es so viele schöpferische Autoren wie hier (man denke an das hebräische Odessa): die jüdische Intelligenz Rußlands versprach ihren Beitrag zur modernen Forschung zu leisten und dennoch nicht der Assimilation anheim zu fallen: die revolutionären Elemente der Judenheit, die sich im sozialistischen Lager hervorragend betätigten und nicht die maximalistische Revolution anstrebten, hatten sich große Verdienste um die Vorbereitung der Befreiung Rußlands erworben. Alle diese Elemente, reich und arm, intellektuell hochstrebend oder bescheiden, zutiefst in der Religion der Väter verwurzelt oder auch kühn von ihr fortstrebend, schaffend und empfangend, untereinander in starker Auseinandersetzung begriffen und vielleicht auch leichte Symtome der Zersetzung hie und da zeigend, waren doch so gesund und versprachen für die jüdische Zukunft so Entscheidendes, daß sich die Hoffnungen der Nation hauptsächlich ihnen zuwandten. Diesem subjektiven Reichtum gegenüber war auch das objektive Besitztum so imposant, daß hier der Schwerpunkt des Volkes zu ruhen schien. Gegen all diese Schichten, die das Judentum als Eigenwert und selbständiges Gebilde erhalten wollen, und vor allem gegen all diese W e r t e, die originaljüdischen Charakter haben und deshalb für die Existenz von Judenheit und Judentum unentbehrlich sind, richtet sich der Kampf der Jewsektia. Was sein wird, wenn sie erfolgreich ist, mag keiner ausdenken, jedenfalls stände man vor dem Ruin des großen und früher so starken Teiles der Judenheit. Schon jetzt ist die Kraft dieser großen Gruppe lahmgelegt, schon seit Jahren hat die Außenwelt den Eindruck, daß sie in dumpfer Stille dahinzuleben verurteilt ist. Sicher sieht es von außen noch trüber aus, als es von innen ist; zweifellos wird noch heute viel Thora in Rußland gelernt, hebräisch gelesen und gesprochen, ganz gewiß ist das religiöse Leben nicht ausgestorben und sind die Zukunftshoffnungen nicht erloschen — aber alles trägt das Zeichen des Unterirdischen, muß sich in der Verborgenheit unter Furcht und Sorge auszuleben suchen: zum Martyrium ist das jüdische Leben in seiner jüdischen Eigenart in Rußland geworden. Keiner von uns kennt die Wege der Geschichte und die Ziele ihres Lenkers, vielleicht wird man dereinst auch einen Sinn aus dieser unsinnigen Phase der Geschichte herauslesen können. Aber ich glaube, es ist die sittliche, religiöse und nationale Pflicht der Juden, die als Zeitgenossen Zuschauer dieser furchtbaren Tragödie sind, nicht