Mannheim
Compact Memory

Zion · 1930-02-01 · 2 (2.1930) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
2 (2.1930)
Date
1930-02-01
Page
Seite 24 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3133276-3139335-3139337--0250-3139736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 24 Z I 0 N Nr. 2 Elijahu, und also auf Arabisch: Abdallah, war ein Enkelchen geboren worden, und er lud uns, d. h. mich mit Frau und Baby (!) zur Brith Milan. Die Feier fand zu sehr früher Morgenstunde statt., da die orientalischen Gemeinden stets gleich nach Sonnenaufgang beten und die Beschneidung unmittelbar nach Schacharit in der Synagoge vorgenommen wird. Für den rapiden Europäisierungsprozeß. der selbst hier bereits eingesetzt hat. waren, trotz des sonst sehr .,echten" orientalischen Milieus, zwei Dinge symptomatisch: einmal, daß die Beschneidung von einem aschkenasischen Mohel vorgenommen wurde, von dessen beiden (gleichfalls aschkenasischen) Begleitern, der eine allerdings, ein kabbalistischer Raw, gerade wegen seiner mvstischen Richtung bei den orientalischen Juden besondere Verehrung genießt, und zweitens, daß Elijahu selbst — im Gegensatz übrigens zu seinem Sohne, einem der stärksten Lastträger von Jerusalem, — seinen Ehrgeiz dareinsetzte, zu der Feier in europäischem, weißem Sommeranzug mit grauem Herrenhut zu erscheinen. Von der Svnagoge aus begaben sich die geladenen Gäste in das ..Haus" der beglückten Familie. Es bestand aus einem einzigen Raum, zu ebener Erde gelegen, auf das Dürftigste ausgestattet, mit groben Steinfliesen als Fußboden, primitivsten Bänken an der Wand, die mit Tüchern belegt sind, zwei einfachsten Tischen, von denen der eine vielleicht noch ausgeborgt war. In diesen Raum tritt man direkt von der Straße hinein, so daß das ganze Familienleben und natürlich auch unsere Festlichkeit, sich in Gegenwart der Wöchnerin abspielt, die, vollständig angezogen und mit dem charakteristischen, tief in die Stirn reichenden verschlungenen bunten Kopftuch der orientalischen Jüdinnen bekleidet, bleich und leidend auf dem einzigen Bett in der Ecke mehr saß als lag und den Säugling an der Brust hielt. Die Männer aber setzten sich zu Tisch, aßen erst allerlei Früchte, Gurken, Nüsse usw.. und nachher ein richtiges warmes Mittagsmahl, natürlich stets mehrere aus einem Teller — zimperlich sein gilt da nicht! Jeder Segensspruch wird laut gemacht, um den Gästen Gelegenheit zum „Amen!" zu geben, viele werden noch mit einem ..Mi Seheberach" für besonders geehrte Gäste oder deren Kinder verbunden. Auch hier wieder gab es einen höchst merkwürdigen, beinahe befremdlichen Beweis für die Europäisierung: der ..Mi Scheberach" auf meinen kleinen Sohn (der natürlich der Einladung nicht gefolgt war!) lautet auf ,.Vriel ben Dr. Simon". So gefährlich überwiegt schon der neue Respekt vor dem „Doktor" den alten Respekt vor dem „heiligen Namen", mit dem allein jeder Jude zur Thora aufgerufen wird. Aber es war ein sehr schönes Fest: wir sangen und waren vergnügt und wirklich über- und unterhalb aller Unterschiede brüderlich verbunden. Es war ein Fest primitiven Judentums im guten Sinne. Und gerade hier liegt das Problem. Diese selbe Primitivität nämlich führt bei dem ersten wirklich ernsten Zusammenstoß mit der europäischen Umwelt oder auch mit der (so ähnlichen) arabischen Primitivität zu Konsequenzen, die oft weder moralisch noch religiös gutzuheißen sind. Ein Beispiel dafür liefert eine Zeitungsnotiz über einen neulich in Jerusalem verhandelten Prozeß: ein alter Sephardi hatte einem dreizehnjährigen, gleichfalls sephardischen Mädchen, um die er vergeblieh warb, auf der Straße einen Ring angesteckt und dabei die Trauformel gesprochen. Ist die Ehe gültig? Das erste Beth Din bestätigte sie, und erst ein gemischtes, aus Aschkenasim und Sephardim bestehendes größeres Beth Din stellte unter Vorsitz des sephardischen Oberrabbiners R. Jacob Meir fest, daß auf Grund alter Bestimmungen aus der Zeit des Mainionides?C3 penp seien, eine Eheschließung auf dem Markt ungültig ist, und kam so zur Aufhebung dieser „Ehe". Es ist mir nicht zweifelhaft, daß dieselben Juden, mit denen ich fröhlich und harmlos bei der Brith- Milahfeier znsantmensaß, gegebenenfalls einer ähnlichen Handlungsweise fähig wären wie der alte Sephardi. der vielleicht auch subjektiv kein Bösewicht ist. Hier pocht immer wieder die Frage aller Fragen für das traditionelle Judentum: wie kann man seine Urkraft retten, ohne die Dumpfheit der Jahrhunderte mitzuschleppen, wie seine Naivität ohne die Gesichtsverengerung blinde r Orthodoxie, wie seine Volksverbundenheit ohne die nationalistische Ueberhebung, wie seine Instinktsicherheit ohne das Ausgeliefertsein an die Instinkte. Dies ist die Frage des Misraehi — das sollte sie sein. E. S. Zur Wirtschaftslage in Erez Israel. Im Vordergrund aller Erörterungen über die gegenwärtige Wirtschaftslage in Erez-Israel steht noch immer die Frage des Boykotts, der auch heute noch, besonders in Jerusalem und Jaffa von den Arabern propagiert und stark überwacht wird. Die Boykottpropaganda wird von den Arabern nicht nur in Zeitungen und Aufrufen betrieben, sondern die Einhaltung des Boykotts wird durch von den arabischen und christlichen Kaufleuten gut bezahlte Wächter, überwacht. Greift die Polizei einmal etwas stärker ein. so gibt es für einige Tage Ruhe, doch bald wieder tauchen diese Hüter des arabischen Wirtschaftsnationalismus in den Straßen auf und verscheuchen jeden arabischen Kunden, der sich in ein jüdisches Geschäft wagt. Von Seiten der Juden wurde niemals ein Boykott

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.