Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 18 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133276-3139335-3139337--0244-3139730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Soite 18 ZION Nr. 2 als „Resolution des Misrachi und der Unabhängigen Allgemeinen Zionisten" — abgelehnt wurde. Und nun das überraschende Resultat des Jenaer Delegiertentages: Die alte Leitung bleibt, die Redaktion der J. R. bleibt, ein mehrgliedriges Präsidium kommt nicht ■ zustande, die bisherige Politik der Z. V. f. D. wird mit großer Majorität gebilligt, der verhüllte Mißtrauensantrag des Misrachi wird abgelehnt, die Oppositionsparteien bleiben draußen und — der Misrachi beteiligt sich mit 3 Mitgliedern an einem Sgliedrigen G.-A., billigt also de facto alles, was er vorher scharf bekämpft hat. Man mag zu diesem Ausgang stehen, wie man will. Einig wird man sich sein in dem Urteil über den Mangel an Klarheit, Zielbewußtheit und Konsequenz, der bei der Politik des Zentralbüros des Deutschen Misrachi zutage getreten ist. Wie war solches möglich? Wo war die Organisation, wo waren die Misrachisten? II. Diese ganze Politik konnte nur geführt werden, weil die Mitglieder der Misrachi-Organisation infolge mangelhafter oder falscher Informierung nicht erfahren, was vorgeht, und in einer politischen Unreife gehalten werden, die auf alles, was „dort oben'" geschieht, mit Vertrauen hinblickt. Die bisherige Innenarbeit des deutschen Misrachi macht fast den Eindruck, als wäre die Misrachi- Organisation nur eine Geldsammlungs-Gesellschaft, als hätte sie nicht auch eine Reihe von sehr' aktuellen Aufgaben im Galuth, wie z. B. die Nationalisierung der Judenheit, die Erziehungsarbeit in religiös-kultureller und zionistisch-poülischer An. Man bemüht sich nicht, die Mitglieder geistig zu erfassen, sondern begnügt sich mit ihrer Beitragszahlung. Wichtiger als der Beitrag ist das neugewonnene Mitglied, das der Organisation treu bleibt, weil sie ihm wertvoll ist, ihm etwas bietet, es teilnehmen läßt an der Arbeit, und durch die Arbeit — nicht durch den Beitrag — in das Ganze einordnet. Fragen wir uns einmal, was liört denn der einfache Misrachist während des Jahres vom Misrachi, seiner Politik und seiner Arbeit? Erst in dem Augenblick, wo man ihn um eine Spende bittet, erfährt er gewöhnlich von den großen Leistungen des Misrachi in Erez- Israel, vom Schulwerk, vom Hapoel-Hamisrachi, ja von der Existenz eines Keren Erez-Israel des Misrachi. Es wird nicht dafür gesorgt, daß durch fortgesetzte Informierung, durch Mitteilungen in regelmäßig stattfindenden Mitgliederversammlungen ein lebendiger Kontakt zwischen dem Misrachisten und der Arbeit des Misrachi in Erez-Israel und der Galuth entsteht, so daß er sich als bewußter Teilnehmer an ihr fühlen kann, und von sieh aus zu finanziellen Leistungen bereit ist. Denn nur so, nicht durch größere Spenden einzelner, wird man der Bedeutung des K. E. J. gerecht, der ein Fonds der Massen werden sollte. Was weiß der deutsche Misrachist z. B. von dem schweren Kampfe, den der Hapoel-Hamisrachi in Palästina für seine gerechte Forderung auf Ansiedlung in Schech-Abrek durchführen muß? Der Misrachi nennt sich eine Kulturpartei und tritt gegenüber den allgemeinen Zionisten mit religiös-kulturellen Forderungen auf; aber fragen wir uns doch, wo sind denn die kulturellen Leistungen des deutschen Misrachi in seinem eigenen Kreise? Sehen wir nicht auf die Mitgliederzahl, die auf dem Papier steht, auf die zusammengebrachten Wähler bei Kongreßwahlen, sondern auf die Arbeit unserer Misrachi-Ortsgruppen in Deutschland. Wir sind in eine Koalition hineingegangen. W7o ist unser Kulturprogramm, wo unsere Arbeit, die richtunggebend werden könnte für die Gesamtorganisation? Sieht man denn nicht, welches merkwürdige Spiel man mit der „Als-Ob"-Politik treibt? Es ist höchste Zeit, daß damit Schluß gemacht wird, und gedankt sei den Einberufern des Delegiertentages, wenn durch ihn der Anstoß zur Beseitigung dieses unwürdigen Zustandes gegeben sein sollte. III. Der deutsche Misrachi hat innerhalb der Misrachi-Weltorganisation immer dafür gekämpft, daß in allgemein-politischen und wirtschaftlichen Fragen nicht durch Majoritätsbeschluß eine quasi einheitliche Stellung erzwungen werden dürfe. Das konstituierende Moment des Misrachi ist seine religiöse Grundlage, und nur insofern politische und wirtschaftliche Entscheidungen durch diese bedingt werden, dürfen sie als die Entscheidungen ..des Misrachi'* hingestellt werden. Zu diesem Delegiertentag versuchte man durch Abstimmung eine Politik als d i e Misrachipolitik hinzustellen, deren Elemente nicht aus der Grundauffassung des Misrachi flössen. Der Unterschied zwischen Misrachipolitik und „mtsrachistischer" Politik wurde nicht erkannt oder anerkannt. Nach meiner Meinung gab und gibt es in den Fragen, die in Jena zur Debatte standen, nur eine misrachistische, religiös-sittlich zu begründende Richtung, nämlich die, die man gemeinhin als dem Brith Schalom entsprechend bezeichnet. Durch das Votum für die „Jüdische Rundschau" haben sich eine Reihe von Misrachisten für diese Richtung praktisch entschieden, die im „Hator" die Politik einer „Bande von Verrätern'' genannt wird. Sie desavouierten damit die Leitung des deutschen Misrachi, welche vor dem Delegiertentag alle Misrachisten auf eine „Misrachi-Politik" verpflichten wollte und jetzt nach ihrem Umfall die entgegengesetzte Politik gleichfalls als berechtigt hinstellt, „daß ja der Misrachi