Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 16 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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StiU 16 ZI 0 N Nr. 2 Deutschland nach Zion gehen sollen, denn Zion ist ja so weit weg. Aber ich möchte diese Frage an den Misrachi in Deutschlandrichten. Ich möchte gerne wissen, was die Misrachisten in Deutschland eigentlich denken. Ist für sie Zion hur eine Angelegenheit der anderen oder der wenigen, oder ist Zion wirklich die persönliche Lösung für jeden einzelnen Misrachisten? Mit anderen Worten: ich möchte wissen, ob auch sie gleich den Gesinnungsgenossen von Dr. Elias vorhaben, sich in der Fremde einzurichten, und nur von ferne mit einer Spende den Aufbau Zions zu unterstützen, oder ob sie vorhaben, sich in Zion selbst einzurichten und nur provisorisch in der Fremde zu leben, bis sich ihre Einordnung in Zion vollzogen hat. Ich weiß, daß diese meine Frage sofort andere Fragen auf wirft: ob ich glaube, daß das ganze jüdische Volk in einer begrenzten Zeit nach Zion übersiedeln kann? Nein, augenblicklich halte ich das für unmöglich, wenigstens bevor wir zu einer Uebereinkunft mit den Arabern gekommen sind. Aber ich glaube, daß bestimmte Teile des jüdischen Volkes, wie z. B. die deutsche Orthodoxie, schon heute nach Zion übersiedeln kann. Es scheint mir, daß bei ihr alle notwendigen Vorbedingungen gegeben sind. Sie braucht keine Hilfe von außen, und wenn sie heute beschließen würde: „Mit unseren Jungen und unseren Alten, mit unseren Reichen und unseren Armen wollen wir ziehen!" — könnte sie diesen Beschluß ohne weiteres in die Tat umsetzen. In diesem Sinne bin ich Herzliane r. Ich bin davon überzeugt, daß sich die deutsche Orthodoxie in Erez-Israel ausgezeichnet einrichten könnte ohne den schweren Existenzkampf, den sie in Deutschland führt, ohne daß sie nach der Pfeife von anderen tanzen müßte, sondern daß sie ein schönes jüdisches Menschenleben führen könnte, entsprechend ihrer inneren Wesenheit, entsprechend dem inneren Rhytmus, entsprechend der jüdischen Seele, im Sinne des Schriftwortes: „Gerede sind die Befehle des Ewigen und sie erfreuen das Herz." Hier brauchten sie nicht dem Einfluß einer fremden Umgebung erliegen, sondern könnten selbst geistigen Einfluß auf die Juden aus anderen Ländern ausüben — und auch ihre Töchter könnten sie in Glück und Frieden verheiraten! Andererseits glaube ich iaum, daß die jemenitische Judenheit oder, auch die galizische einen derartigen Beschluß -ohne r: Hilfe von außen durchführen könnte. Aber die deutsche Orthodoxie könnte es! Und wenn sie in ihrer Gesamtheit heute noch recht entfernt von derartigen Gedanken ist und sich lieber für lange Zeit im Galuth einzurichten sucht, um dort das Gespinst einer Synthese" zwischen Deutschtum und Judentum zu spinnen — möge es ihr gut bekommen! Aber der deutsche Misrachi, kennt doch ausgezeichnet den B i b e1v e r s: „U nd bei jenen Völkern wirst Du nicht ruhe n", und was also ist seine Meinung und sein Beschluß? Sollte es ihm im Augenblick unmöglich sein, in seiner Gesamtheit zu übersiedeln, erzieht er sich wenigstens dazu, bereitet er sich wenigstens darauf vor. es in naher Zukunft zu tun? Erzieht er seine Söhne und Töchter auf dieses Ziel hin? Schickt er sie zum Lernen nach Erez-Israel in die Schulen des Misrachi? Mit anderen Worten: ist die Fremde für ihn eine vorübergehende Erscheinung oder eine dauernde Einrichtung? Dies ist meine Frage. Es lebte einmal in Deutschland ein gefühlsstarker und temperamentvoller Jude: Rabbi Jacob Emde n. Damals gab es noch keine zionistische Bewegung und keinen Misrachi, keine Balfour- Deklaration und wenig technische Errungenschaften. Trotzdem fragte dieser Jude sich selbst: ist nicht unser Ausspruch, „Wenn ich Dich vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte" ein wenig lügnerisch und heuchlerisch geworden, eine bloße Phrase, wie geschrieben steht: „Mit seinem Munde und seinen Lippen ehrt er mich, aber sein Herz ist fern von mir'-? Er antwortete: ja, so ist es. Es ist Lüge und Heuchelei dabei. Man muß sich entschließen und bei der ersten Gelegenheit ins Land gehen. Und er fügte hinzu: auch ich habe so beschlossen, und wenn erst die Kriege aufhören und die Wege wieder ausgebessert sind, dann wandere ich, so Gott will, nach Zion. Damals gab es, wie gesagt, noch durchaus keine Balfour-Deklaration, und das Land war noch eine wüste Einöde. Und trotzdem! Aber der deutsche Misrachi heute? Und der amerikanische Misrachi heute? Der Misrachi weiß doch, daß die Kriege aufgehört haben und daß die Wege gut sind. Der deutsche Misrachi weiß doch auch, daß sich das Gesicht der palästinensischen Judenheit vollkommen gewandelt hat, seitdem das gesetzestreue Element auch im Aufbau des neuen Jischuw zunimmt. Wenn sich für den Augenblick selbst nur ioo deutsche Misrachisten jährlich im Lande ansiedelten — wie sehr würde sich alles verwandeln! Und dies ist meine Frage: werden sie kommen, in diesem Jahre, im nächsten Jahre, und im übernächsten Jahre — die hundert, die hundert deutschen Misrachisten, um sich im Lande anzusiedeln, seinen Boden zu bearbeiten und seine Industrie zu entwik-