Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 15 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 ZI O N Seite ,15 Kurze Zeit nach der Veröffentlichung dieser Wortö ließ sich noch eine dritte, vermittelnde Meinung hören: die von Dr. S. Gruenberg*). Ihmzufolge besteht wirklich ein Zwang, sich allgemeine Bildung anzueignen, aber wir dürfen ihm nur im lebendigen Bewußtsein des Zwanges gehorchen und müssen wissen, daß dieser Weg gefährlich ist. Und nun kommt der Artikel von Dr. Elias, der die Ansichten Dr. Auerbachs wieder aufnimmt. * * * Ich habe nicht die Absicht, gegen Dr. Elias zu polemisieren, sondern stimme vielmehr seinen Ansichten im allgemeinen zu. Ich ersehe aus ihnen die ganze Schwierigkeit, in der sich das gesetzestreue Judentum in Deutschland befindet, das dauernd eine Art Seil- oder Eiertanz aufführen muß. Zunächst hat es einen schweren Existenzkampf zu führen, der aus der besonderen Situation des orthodoxen Juden resultiert, welcher nicht in seinem Hause und nicht in seiner eigenen Welt, sondern in einem fremden Hause und in einer fremden Welt lebt und ihr Wohlwollen braucht. Diese Welt aber rechnet nicht sehr mit seinem Geiste und seinem Glauben. Für diesen Existenzkampf muß sich der gesetzestreue Jude mit einem zehnfachen Maß von fremder Bildung ausrüsten, und für das eigene jüdische Wissen bleibt nur ein knapper Anteil. Nach all dem aber kann er im allgemeinen nicht einmal seine Tochter verheiraten! Das ist schon ein seltenes Glück! Diese einzige Tatsache ist wie ein gewaltiges Fragezeichen. Was für eine Art von Gesellschaft ist das, die den Töchtern das Heiraten unmöglich macht? Zweifellos kann sich ein gesetzestreues Judentum niemals mit einer derartigen Situation abfinden, da heiratsfähige Töchter, die in größerer Zahl unverheiratet bleiben müssen, grundlegende Veränderungen in der Lage der gesamten Judenheit hervorrufen können: wenn sie arm sind, müssen sie zweifellos in Geschäften arbeiten, die an Sabbaten und Feiertagen nicht geschlossen sind. Aber trotz alledem — man findet sich auch mit dieser Tatsache ab, man findet sich überhaupt mit allem ab, und man prahlt noch: ,,Wohl uns, wie gut ist unser Teil und wie lieblich ist unser Los!" Die Schwierigkeit liegt darin, daß man ohne allgemeine profane Bildung, nur mit Thora und Talmud, in dieser Umgebung ein halber und zerrissener Mensch bleibt, ein Gegenstand des Spottes für alle Bekannte, der als ein Barbar angesehen wird, und daß man andererseits, wenn man wirklich versucht, auf beiden Hochzeiten zugleich zu tanzen, sich eine ausgedehnte allgemeine Bildung zu er- *) Hahed", 5689, Heft 5. werben,; man . erst recht ein halber und innerlich zerrissener Mensch bleibt, ein Halb-, Drittel- oder Vierteljude und ein Halb-, Drittel- oder Viertelgaj. Aber es scheint ja keinen anderen Weg zu geben. Dies ist das Schicksal der deutschen Orthodoxen, die mitten unter den Völkern der Welt leben, in der Fremde, nicht in ihrem Hause, nicht in ihrem Zentrum. Und hier ist der Punkt, der mir zu Herzen gegangen ist, als ich diesen Artikel las. Der Artikel ist sehr schön geschrieben, in Abschnitte gegliedert, logisch aufgebaut und mit seelischer Ruhe vorgetragen. Und diese seelische Ruhe ging mir zu Herzen. Aus dem Artikel wird eine Voraussetzung deutlich: der Sieg des Galuth, der Sieg der Fremde, die Erkenntnis, daß das gesetzestreue Judentum noch für unabsehbare Zeit dort in Deutschland, in der Fremde, bleiben wird. Da dem so ist, muß man sich irgendwie einrichten: in Halbheit, in Gespaltenheit, in dieser oder jener Form, mit großen seelischen Opfern. Man muß nach der Pfeife von anderen tanzen, muß sich Tag und Nacht den Wünschen und Lebensformen, der Sprache und Tracht, der Namensgebung und den Theaterbesuchen, den Bräuchen und Verführungen anderer anpassen: im Lachen und im Weinen, in allem und jedem. Man muß jedes Opfer bringen, das verlangt wird. Und der Gegenwert für all das ist ein kaum erträglicher Existenzkampf. Der Gegenwert — man kann nicht einmal seine Tochter verheiraten. Der Gegenwert — das Gefühl, daß man in einem fremden Hause lebt, und die Erkenntnis, daß „jeder, der im Galuth wohnt, dem ähnlich ist, der keinen Gott hat". Als man im Mittelalter die Juden zur Zwangstaufe bringen wollte, haben unsere Vorfahren sofort die betreffenden Staaten verlassen. Ich bin fest davon überzeugt, daß die deutsche Orthodoxie einem Zwange, den Gott verhüten wolle, gegen ausdrückliche Verbote der Thora zu verstoßen, den Sabbath zu entweihen oder unreine Speisen zu genießen, gleichfalls mit ihrer Ablösung und Auswanderung in ein anderes Land beantworten würde. Aber es fehlt ihr das Gefühl, daß auch die kulturelle Assimilation eine Art „kleiner Zwangstaufe" ist. Und noch einmal: über den Verfasser des Artikels und seine Gesinnungsgenossen wundere ich mich nicht übermäßig. Sie haben sich mit dem Gedanken des Galuth abgefunden und machen deshalb alle Anstrengungen, um sich dort einzurichten. Man kann von ihnen also nicht verlangen, daß sie von Deutschland nach Frankreich oder von Frankreich nach Deutschland gehen sollen, denn das bleibt sich ja ziemlich gleich. Man kann auch nicht von ihnen verlangen, daß sie von