Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 2 (1930)
- Issue
- 2 (2.1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Z I 0 N Nr. 2 auf die Kultur verzichtet und zu ausschließlicher Hingabe an das Thorastudium führt. Weil die Orthodoxie gezögert. hat, sich die Werte der allgemeinen Kultur , anzueignen, ging die Führung der jüdischen Gemeinschaft in allen politisch-gesellschaftlichen Angelegenheiten an die Liberalen über, die sie in ihrem Sinne ausübten. Noch jetzt sind die bitteren Folgen dieser Situation fühlbar. Aber nicht nur die Lage der Allgemeinheit, auch die jedes Einzelnen zwingt dazu, sich mit dem Rüstzeug der Kultur zu versehen. Der Existenzkampf ist überaus schwer geworden. Die Verheiratung eines heiratsfähigen Mädchens ist heute in Deutschland beinahe als ein glücklicher Zufall anzusprechen. Der junge orthodoxe Mann, der in den Lebenskampf eintritt, spürt den Einfluß der fremden Kultur bei jedem Schritt und Tritt. Wenn er nicht bereits Profanbildung besitzt, fühlt er sich nun als halber und innerlich geteilter Mensch, und da er keine Beziehungen zu den geistigen Werten der europäischen Kultur hat, wird er von selbst stärker durch materialistische Vergnügungen angezogen und unterliegt leichter der Genußsucht und der Raffgier, so daß er gerade die schlechten anstatt der guten Seiten der Kultur annimmt. Es ergibt sich also, daß die materielle wie die moralische Situation gleicherweise zwingen, eine gründliche und umfassende Profanbildung zu erwerben. Thorakenntnisse allein genügen nicht, denn wir leben in keiner jüdischen Welt, in keinem jüdischen Zentrum, sondern vielmehr in einer nichtjüdischen Welt, an die wir uns anpassen müssen. Wir müssen den Lebenskampf in ihrem Geiste, in ihrer Sprache und mit Hilfe ihrer Bildung führen. Deshalb bleibt kein anderer Weg als der von Hirsch gewiesene, die Thora mit der Allgemeinbildung zu verbinden und beide planmäßig zu einer Synthese zu fügen. Dieser Weg ist nicht leicht, aber er kann segensreich sein, und einen anderen Weg gibt es nicht. Jedenfalls nicht in Deutschland. * * * Dr. Elias ist nicht der erste, der sich gedrungen fühlte, diese Frage zu klären. Dr. Moses Auerbach ist ihm in einem Artikel zuvorgekommen, der seinerzeit in der Festschrift zum 6o. Geburtstag Dj. Nathan Birnbaums erschien. Dr. Auerbach teilt die Ueberzeugung von Dr. Elias, aber er sieht die Gefahr;, die in der Aneignung der profanen Bildung liegt, und sieht auch die Schwächen in Hirschs System. Doch kommt auch er zu der SchluBfo^erung, daß es keinen anderen Weg gebe, und betonte gerade deshalb, daß wir aus dem Zwang eine Angelegenheit unseres freien Willens »lachen sollen. Es gilt, zu erkennen, daß dies unsere historische Aulgabe in dieser Epoche ist, deren Bewältigung Gott von uns, der deutschen Orthodoxie, verlangt: der Pionier eines gesetzestreuen-kuLuieJullten Wissenschaft i.h 'gebildeten" Judentums zu sein und so dem ganzen jüdischen Volke den Weg zu bahnen: „Denn zur Lebenserhaltung hat mich Gott vor euch hergesandt." Nach einiger Zeit erhob sich in unserer Frage eine weitere Stimme von radikal entgegengesetztem Standpunkte aus: die des Rabbi von Lubawitz. Er verwirft das System Hirschs vollkommen und glaubt, daß Hirsch selber von seinen Theorien abgehen würde, wenn er heute ^noch lebte und die Früchte seiner Arbeit sähe. Das deutsche gesetzestreue Judentum sei kein echtes, sondern ein verfälschtes, verzerrtes und versteinertes Judentum, eine Art Pseudojudentum, dem die Seele bei lebendigem Leibe ausgebrannt sei. Das wahre Judentum entwickelte sich nur in den Jeschiwoth von Litauen und in den Betstuben Polens. Dort fand wirklich die Seele des jüdischen Volkes zu ihrem Schöpfer und diente ihm in Liebe und Ehrfurcht, dort waren Thora und Gottesdienst wirklich zu Hause, nicht aber im Westen, nicht in Deutschland. Denn das Judentum läßt keinen Kompromiß zu. Es ist verboten, irgendetwas zu verändern, und seien es die Namen, die Sprache, die Kleidung. Ihr aber, deutsche Orthodoxe, habt sogar das Innere verändert, sogar den Inhalt, sogar die Seele. Euer geringes Thorawissen ist eure Schmach und eure Schande. Ihr seid meist einfach Unwissende, dafür aber „geht ihr Arm in Arm mit fremden Kindern" (Jes. 2. 6.) und erfüllt eure Seele mit fremden Begriffen und mit einer fremden Kultur. Wer von euch kann noch einen hebräischen Brief schreiben? Nur Deutsch könnt ihr alle ausgezeichnet. Ihr wollt euch profane Bildung erwerben, um die Leitung der jüdischen Dinge den Liberalen wieder aus der Hand zu nehmen? Wie aber, wenn ihr euch selbst auf diesem Wege den Liberalen annähert, euch vom wahren Judentum lossagt und fremde Einflüsse auf euch wirken laßt? Ihr rechtfertigt euch mit dem Hinweis auf euren schweren Existenzkampf und den Spott der Nichtjuden, der euch bedroht, falls ihr nicht den Götzen eurer Bildung dienen würdet? Aber wer sagt euch denn, daß ihr in Palästen leben und alles Gute dieser Welt genießen müßt? Ihr seid gänzlich verstrickt in die Bande des diesseitigen Lebens und seid vom geraden Wiege abgewichen. Nicht dies ist Israels Teil. Sein Weg fordert, sich mit Wenigem zu begnügen, die Schulter unter das Leid zu beugen, Brot mit Salz zu essen, den Schimpf der Nichtjuden zu ertragen — und auszuhalten. Wenn das in Deutschland unmöglich ist, so wandert in andere Länder! Aber den Weg des lebendigen Gottes dürft ihr nicht verlassen*). *j Hahed", 5688, Heft 11.