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Zion · 1930-01-01 · 1 (1.1930) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
2 (1930)
Issue
1 (1.1930)
Date
1930-01-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Z I O N Nr. 1 dessen Dozenten er nun, nicht ohne Widerstand extrem orthodoxer Kreise, auch Nobel gewann. Unterdessen hatte sich Rosenzweig endlich, nach langen, ihn sehr erbitternden Wohnungsschwierigkeiten — die heftige Erbitterung über Alltägliches gehörte durchaus zu seiner leidenschaftlichen Xatur und beinahe auch zu seiner realistischen Theologie — einen eigenen Hausstand aufrichten können, den er und seine Frau gesetzestreu zu führen beschlossen. Trotzdem waren sie keine Orthodoxen, und sind es auch nie geworden. Rosenzweig war vielmehr ein prinzipiell liberaler, d. h. auswählender Jude, dessen Auswahl nur allmählich und gewiß nicht zufällig! — beinahe mit allen Mizwoth und Bräuchen des traditionellen Judentums identisch war. Trotzdem blieb ein prinzipieller Unterschied bestehen, der gelegentlich auch zu theoretischem Ausdruck drängte und den Rosenzweig mündlich einmal dahin formulierte, daß ihm das Gesetz eigentlich nicht — Gesetz sei, da seine verpflichtende, allgemein verbindliche, metaphysische Kraft für ihn nur sehr eingeschränkt bestehe. Er hat in einem Offenen Brief an Martin Buber „Die Bauleute" die Prinzipien seiner Lebensführung dahin erläutert, daß er keinen Unterschied zwischen der Bewahrung und Uebung wichtiger Sabbathbestimmungen und der Bewahrung und Uebung eines alten, in der Familie überlieferten Sabbathrezeptes gelten lassen wolle. Das war gewiß recht positiv gesagt — wie beinahe alles bei diesem höchst positiven Menschen, der nichts so sehr haßte wie unfruchtbare Negationen — aber es enthielt doch auch für den weiter rechts Stehenden eine recht fühlbare Verneinung: die Gleichsetzung des Din mit dem Minhag erhob zwar den Minhag, erniedrigte aber den Din. Hier konnte ich ihm nicht immer folgen. Umsomehr aber in dem, wie er nun die Formen in der Praxis lebendig gestaltete. Er war der, sehr richtigen. Meinung, daß man Judentum nicht allein theoretisch lernen, sondern praktisch sozusagen versuchen müsse, und er ging mit ungeheurer Entdeckerfreude und Frische an jeden solchen Versuch heran, der seiner tief-jüdischen Natur meist glückte und ihm also immer neue Teile jüdischen Lebens und Brauchtums persönlich erschloß. Er sang sehr schön, war überhaupt sehr musikalisch, pflegte mit besonderer Vorliebe vorzuben eben und saß nicht minder gern in dex Sahh.'.h-Dämmerstunde vor Hawdalah mit seiner I- ' au und einem oder zwei Freunden singend die r.ene Woche erwartend. Diese Stunden waren ganz unbeschreiblich: sie hatten etwas von der Stimmung einer ehassidischen ..dritten Mahlzeit", ohne doch ins Mystisch-Unbegreifbare zu entschweben. Höchst merkwürdig war Rosenzweigs Beziehung zu Nobel. Dieser hat sein philosophisches System im Grunde durchaus abgelehnt: als er einmal eine Vorlesung Rosenzweigs im Jüdischen Lehrhaus über die kreatürliche Bedeutung des N a - m e n s für den Menschen scharf kritisierte, rief Rosenzweig erregt aus: „Jetzt weiß ich, daß er mich (nämlich im Kernpunkt) ablehnt!'' Trotzdem hatte er Unrecht, denn die Beziehung beider Männer bestand durchaus über dem Aussprech- und Formulierbaren. Man hätte auch umgekehrt sagen können, daß auch Rosenzweig Nobel ..im Kernpunkt'', nämlich in seiner philosophisch-idealistischen Weltanschauung, in seiner Stellung zu Goethe usw. ablehnte, und auch das hätte nichts bedeutet. Bedeutsam war nur, daß Rosenzweig sich mit auf die Fittiche genommen fühlte, wenn Nobel als Fürsprecher der ganzen Gemeinde groß in ein Gebet ausbrach, und daß Nobel etwas von der neuen jüdischen Zukunft ahnte, deren Schwelle er selbst nur ganz zaghaft zu überschreiten gewagt hat, wenn er diesen jungen Menschen Kühnheiten sagen hörte, die er Wort für Wort ablehnte. Es war eine große geistig-übergeistige Liebe zwischen den beiden, und sie konnte sich noch einmal herrlich zeigen, als man in Frankfurt zu Nobels 50. Geburtstag rüstete. Ich durfte damals Rosenzweigs Helfer bei der Herausgabe und Redaktion der „Gabe" sein, die wir „Herrn Rabbinur Nobel zum 50. Geburtstag'' dargebracht haben. Wie erfinderisch hat er da den Chor der Gratulanten zusammengestellt! Nicht durfte Hermann Cohen fehlen, der zu beiden, zu Rosenzweig und zu Nobel, in einem ähnlichen Freundschaftsverhältnis gestanden hatte, wie es nun zwischen Rosenzweig und Nobel selbst bestand, und es gelang, seinen posthumen Geist aus einein unveröffentlichten Stück des Nachlasses zu berufen, das noch den Vorteil bot, auch einen der deutschen Genien Nobels, Gottfried Keller, den „Stellvertreter Goethes in der zweiten Hälfte des Neunzehnten-Jahrhundens" wie Rosenzweig bei Lebergabe der Festschrift formulierte, mit in den Feierkreis zu ziehen. Und auch von den Lebenden durfte keine „Richtung" oder Schicht ohne Repräsentanten bleiben, auf die Nobels umspannender Einfluß einmal gewirkt hatte. Er ging von Buber bis zu Vertretern der strengen Orthodoxie, und es war Dichtung da und Predigt und Gebet, vor allem aber auch: Nobels eigenes Wort, ein ihm listig entwendetes frühes Bewerbungsschreiben, das wie ein Motto sein späteres Leben symbolisch zusammenfaßte. Zwei Monate nach der herrlichen Feier starb Rabbiner Nobel, und am gleichen Tag fiel Rosenzweig zum ersten Mal zu Boden. Er wußte nun, daß er sterben müsse, und lebte sein Leben als denkender, tätiger und glaubender Mensch noch1 stärker als zuvor im Angesicht des Todes. Je: mehr er durch den Fortschritt seines Leidens in sein Haus gebannt war, desto stärker zog er gottesdienstliche Uebung in dieses Haus hinein, bald bildete sich ein regelmäßiges Minjan. das allsabbathlich und an jedem Festtage den Kreis der engeren Freunde und Schüler vereinigte, aber

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