Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 12 (12.1929)
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 148 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 148 Z I 0 N Nr. 12 Synagoge und wurde von seinem Vater angespornt, {das gute Werk trotz aller Schwierigkeilcn zu Ende zu führen, was auch geschah. Er scheint in dieser Zeil! lund auch noch etwas später, als Bräutigam im Jahre 1880 noch traditionell gelebt zu haben: wenigstens schreibt er seiner Braut: Fanny Jude! aus Ruß, die selbst aus einer gemäßigt frommen, europäisch etwas gebildeten Familie stammte, noch kurz vor der Verlobung, er werde sofort, da der „liebe Sabbath" nahe sei, in die Synagoge gehen und dort für die Besserung einer schmerzhaften Zahngeschwulst beten, von der Fräulein Fanny geplagt war. Zugleich aber übersandte er ihr, sozusagen auf alle Fälle, eine Medizin. Sie antwortet, am 3. 8. 1880: „Ich kann Ihnen zu Ihrer Beruhigung sagen, daß die Wirkung Ihres Gebetes eine überraschende war" und, noch schelmischer, am 6. des gleichen Monats: „Ob nun die Medizin oder Ihr Gebet die Heilkünstler waren, will ich dahingestellt sein lassen." Zur religiösen Charakteristik von Frau Wolffsohn sei hier noch gleich ein Stück aus ihrem Tagebuch von der gemeinsamen Reise nach Konstantinopcl hinzugefügt: auf der Rückfahrt betraf sie ein glücklicherweise ohne Folgen verlaufenes Eisenbahnunglück in Bulgarien, und sie schrieb darüber: „Wir dankten Gott, daß wir ohne Schaden zu nehmen, davon gekommen waren; ich glaube eine kleine Mesuse. ein Erbteil meiner verstorbenen guten Mutter, welches ich auf Reisen, immer bei mir habe, hat uns vor Bösem bewahrt." In einem späteren Tagebuch, von der Reise nach Palästina, wendet sie sich aber gegen die Jeschiwa-Bachurim in Jerusalem, in deren Treiben sie nur den Müßiggang und gar nicht die volle Lebenshingabe an das Thoralernen zu erkennen wußte. Diese Mischung zwischen nicht sehr tiefgehender Aufklärung, Aberglauben und echter Pietät dürfte für sie ihr ganzes Leben lang charakteristisch geblieben sein. Für David Wolffsohn selbst wurde das entscheidende Erlebnis die Bekanntschaft mit H e r z 1, die seinem bisher wohl stärker religiös begründeten „Chowewe-Zionismus" ganz ins politische Fahrwasser brachte. Er war darin ein typischer Ostjude, daß ihn an Herzl's Erscheinung nicht das Jüdische, sondern gerade das Europäische, am stärksten anzog. Er selbst bekundet dies in einer „Einleitung" zu einer Neuauflage des Herzl'schen „Judenstaates" mit folgenden Worten: „Hätte Herzl sein Leben unter uns zugebracht, so hätte er nicht so tief und qualvoll die Schmach unserer nationalen Entrechtung empfinden können, wie er sie empfand." Dieses Pathos der Distanz riß ihn liin und hat ihn wohl auch etwas stärker als vorher aus dem religiösen Lebenskreis entwurzelt, immerhin bekennt er auch später noch — in einem Nachlaß-Manuskript „Unsere akademische Jugend": „Für mich, der die Wehen der Rückkehr zum Judentum nie erfahren, einfach aus dem Grunde, weil ich aus einem Milieu stamme, das das Judentum nie verlassen hat, war die jüdische akademische Jugend zu wenig jüdisch." So sollte es denn seine Mission werden, neben der großen finanziellen und organisatorischen Aufgabe als Bankpräsident, noch zu Herzl's Lebzeiten zwischen dem gänzlich europäisierten Führer und den jüdischen Massen des Ostens und Palästinas das» lebendige Bindeglied ebenso zu sein, wie zwischen dem neuen politischen und dem bisherigen Chowewe-Zionismus. Durch diese natürliche und freie Verbundenheit miv den allen Symbolen unseres Volkes war es ihm vergönnt, dem Zionismus Symbole zu schaffen, die mit dem warmen Leben der Tradition im Zusammenhang stehen. Er erzählt darüber selbst sehr hübsch in einem hebräisch geschriebenen Aufsatz „Die Fahne und der Schekel", der in der Jubiläumsnummer der ..Hazephira" anläßlich des 10. Kongresses (1911) er- ' schienen ist. Darin schildert Wolffsohn. wie er, von' Herzl mit den organisatorischen Vorbereitungen des 1. Zionislenkongresses betraut, plötzlich die Notwendigkeit empfand, das Haus des Kongresses mit einer Fahne, mit der ^jüdischen Fahne, zu schmücken. Aber was ist die jüdische Fahne? Welche Farben hat sie? Und er antwortete so: „Wir haben eine Fahne, sie ist blau-weiß, sie ist der Tallith, in den wir uns hüllen, sie ist das jüdische Symbol. Wir brauchen nur unsere zusammengefaltete Fahne aus ihrem Behä'te" herausholen: dann wird sie uns ein stolzes Wahrzeichen, sein, in den Augen ganz Israels und in den Augen der Völker der Welt. So ließ ich eine. blau-weiße Fahne machen und einen Magen David; hineinzeichnen — da war unsere nationale Fahne geboren. ] Und als unsere Gesinnungsgenossen nach Basel kamen <u nd die Fahne auf dem Kongreßhause flatterte, da wunderte sich niemand darüber und man fragte gar nicht, woher wir unsere Fahne' hätten. Jeder empfand, daß dies unsere Fahne ' sei, als ob das bei uns von altersher so Brauch war." Aehnlich verfuhr Wolffsohn in der Finanzkömmission des Kongresses, in der dauernd die verschiedensten Namen für den zu beschließenden Organisationsbeitrag gebraucht wurden: „Beitrag", „Kontribution", „Chevvregcld" usw. . . . „Als ich diese Namens Verwirrung sah, kam ich auf den Einfall, unserem Organisationsbeitrag einen einzigen und einheitlichen Namen zu geben, und fand, daß kein geeigneterer und allgemein verständlicherer. Name vorhanden sei als: Schekel. Kaum