Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 11 (11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 139 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Z I 0 N Seite l£> gar keine äusseren Ehren besass, ein willkommener und vielleicht^notwendiger seelischer Ausgleich war — aber man sollte doch heute, beim ersten Schritte in die grosse Welt, in die „Freiheit" nicht die gleiche Psychologie weiterschleppen. Wenn wir uns also von solcher.illusioEären Einstellung befreien, so sehen wir, dass der gesamte Orient in einer von Tag zu Tag stärker werdenden nationalen Erhebung begriffen ist, die in den letzten Jahren zu sehr bedeutenden Erfolgen geführt hat. Wollen wir uns ernsthaft einreden, dass Palästina auf die Dauer eine Ausnahme diseser östlichen Beweg ucg bleiben wird? Es ist schon heute keine solche Ausnahme mehr. Und zweitens werden wir dann sehen, dass keine Regierung weniger als die heute und vermutlich einige Zeit herrschende englische Labour-Regierung diese Nationalbewegung um der Zionisien wegen unterdrucken kann. Wieder müssen wir fragen: wollen wir uns ernsthaft einreden, dass dies gleiche England, das Indien, der Forderung seiner gemässigteren Parteien entsprechend, den lange verweigerten Rang des Dominion zugebilligt hat, das seine Machtposition in Aegypten freiwillig einschränkte, das den mit kolonisatorischen Mitteln regierenden, „revisionistischen" Oberkommisaar Lord Lloyd abberufen und den Sturz der anglophilen, antiparlamentarischen Diktatur erzwungen hat, das, um noch ein drittes Beispiel zu geben, auf sein Mandat im Iraq verzichten und bis 1931 die Zulassung dieses wichtigen Landes zum Völkerbund — gleich der Aegyptens! — befürworten und damit seine beinahe völlige Selbständigkeit herstellen wird, glauben wir wirklich, dass dieses England, oder auch irgend ein späteres liberales oder wieder konservatives, ausgerechnet in Palästina sein Gesamtsystem durchbrechen wird? Auch diese Annahme besteht schon heute kaum mehr. Was also bleibt uns zu tun, uns, den aktiven Gestaltern jüdischen Schicksals, uns, die wir jüdische Politik treiben und nicht den Wagen in den weltgeschichtlichen Abgrund rollen lassen wollen? Wohl gerade dies, was wir, nach Weizmanns eigenem Eingeständnis bisher zu tun versäumt haben, nämlich die Aufstellung und Verwirklichung „grosser, weit ausgreifender Zukunftspläne in der arabischen Frage". Nehmen wir ein aktuelles, das aktuellste Beispiel: die Frage des Parlaments. Das Parlament wird kommen; selbst in seiner ersten Proklamation hat der Oberkommissar nnr davon gesprochen, dass er die betreffenden Verhandlungen nur „aufschiebe" — so, und nicht „unterbreche" lautet heute der offiziöse Regierungskommentar — ein Beweis dafür, dass erstens solche Besprechungen stattgefunden haben, ohne dass aber die öffentliche jüdische Meitung von ihrer Exekutive darauf vorbereitet wurde und ohne dass offenbar konstruktive jüdische Gegenvorschläge vorlagen — statt nur leeren, formalen Protesten —, und dass zweitens solche Verhandinngen nach einiger Zeit wieder aufgenommen werden sollen, vielleicht bereits, nachdem die parlamentarische Untersuchungskommission ihre Arbeit beendet haben wird. Dies ist die Lage: die Revisionisten werden sie nicht ändern, der Misrachi nicht und auch die Exekutive nicht. Die Frage ist nur, wie wir uns nun zu ihr verhalten. Wir können natürlich weiter protestieren, starke. Worte brauchen, Proteitversammlungen machen, Artikel schreiben, und dann nach erfolgter Konstituierung des palästinensischen Parlaments, noch einmal protestieren. Dies ist etwa der Weg, den heute die übliche zionistische öffentliche Meinung, einschliesslich der misrachistischen, für richtig hält, natürlich, ohne seine Konsequenzen zu übersehen, und den die Exekutive, halb gegen bessere Einsicht, aus Angst vor dem „Verräter!•* — Geschrei der Strasse anscheinend gleichfalls beschreiten riiuss. Dieser Weg wird ins Unglück führen. Es gäbe einen anderen, und noch ist nicht jede Hoffnung verloren, dass es, auch im Indikativ, einen anderen wirklich gibt: den, durch konstruktive Vorschläge über die Gestaltung des künftigen palästinensischen Parlaments, über die gradweise fortschreitende Beteiligung der gesamten Bevölkerung des Landes an seiner Selbstverwaltung, usw., die Dinge uns nicht aus der Hand gleiten zu lassen, sondern den Versuch zu machen, sie mit unseren zionistischen Lebensnotwendigkeiten, über deren Ausmass es allerdings ei hebliche Meinungsverschiedenheiten geben kann, einigermassen in Einklang zu bringen. Selbstverständlich wird immer ein tragischer Rest zwischen den Lebensnotwendigkeiten der beiden Völker Palästinas zurückbleiben, niemals wird diese Frage ganz glatt aufgehen, aber es ist an uns, als den neu ins Land Kommenden, als den Trägern der höheren Kultur, als denjenigen, deren nationale Entwicklung bereits einen Schritt vorwärts zum Humanismus gemacht hat oder gemacht haben sollte, ea ist an uns, diesen Rest bis auf seinen wirklich unverdaulichen Geschichtskern hinab zu verkleinern. Dazu haben wir beinahe noch nichts getan. Die letzten Bemerkungen leiten bereits zu der zweiten Problemstellung hinüber, die für den religiösen Juden, den es unter Gesetzestreuen und Nichtgesetzestreuen gibt, noch zu den bisherigen, rein real-politischen Erwägungen hinzukommt. Für denjenigen Juden, für den die jüdische Religion nicht ein besonderes Schubfach darstellt, das er nach Belieben öffnen" oder scblie3sen, gebrauchen oder^ liegen lassen kann, für den wird der Zionismus das Problem einer spe- * zifiach jüdischen Politik stellen, wie ihm etwa der Kaufmannsberuf das Problem einer spezifisch jüdischen Wirtschafts- Ethik stellte. Man kann leider nicht'sagen, dass der Misrachi bisher einen wesentlichen theoretischen oder praktischen Beitrag, zur Lösung dieses Problems 7beigetragen"^hat Die~ Männer^" die sich