Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 130 Z I 0 N Nr. 10 troffenen haben sogar nur Teilstellen I — bedeuten mnss, in 24 Monaten nur etwa 16 bezahlt zu bekommen, kann man sich leicht ausmalen. Und tatsächlich bedeutet es in den meisten Fällen ganz brutal: Hunger! Ich selbst kenne Kollegen, die seit Monaten nur noch einmal am Tage essen, von welcher traurigen Uebung auch der Sabbath keine Ausnahme macht. Neben den furchtbaren materiellen Folgen dieser Lage machen sich auch die moralischen sehr deutlich fühlbar, da die Lehrer beider Kategorien fast immer an ein und derselben Schule nebeneinander arbeiten, und da die zionistische Leitung nicht nur jetzt vollkommen pünktlich bezahlt, sondern auch ihre alten Schulden abgedeckt hat. Es ist] freilich' kein Geheimnis, dass sie dazu nicht aus den ständigen Eingängen der Fonds, die im Gegenteil durch die Eonkurrenz des „Keren Haesra" in bedenklicher Weise zurückgegangen sind, imstande gewesen wäre, sondernnur durch Vorschuss-Darlehen des Herrn Felix Warburg. Selbst wenn man der Meinung sein könnte, dass dem Misrachi nicht nur ein solcher Warburg fehlt, sondern auch ein Harry Sacher, der einmal mit eisernem Besen Ordnung in seine Finanzen bringt, so -wäre ihm, und vor allem den hungernden Lehrern, ein Warburg das heisst eine grosszügige Anleihe, aufs innigste zu wünschen. Vielleicht erwecken diese Zeilen Wasser aus dem Stein! Was fehlt! Gewiss: auch Geld fehlt, und dass dies nicht unwichtig ist, sondern zu einer individuellen und kollektiven Lebensfrage werden kann, zeigten wir im vorigen Abschnitt. „Aber nicht von Brot allein lebt der Mensch", und vor allem nicht im heiligen Lande. Uns fehlt, in diesem unerhört kritischen Augenblick der jüdischen Geschichte, religiöse Führung. Uns fehlt das befreiende Wort, das aus den Tiefen der Thora der Kriegspsychose Einhalt tut. Wie lange noch werden wir auf dieses Wort warten müssen? ' E. S. Anmerkung: Wir bringen die obigen Ausführungen unseres palästinensischen Redakteurs, ohne uns mit ihnen zu identifizieren. Wir wollen ihm aber nicht die Möglichkeit nehmen, auch in unserem Kreise seine Einstellung zur Araberfrage kenntlich zu machen. Wir sind, gestützt auf die Aussprache, die im Central Comite" des deutschen Misrachi stattgefunden bat, der Meinung, dass heute die Zeit für „grosse weit ausgreifende Zukunftspläne in der arabischen Frage* noch nicht gekommen ist, es sei denn, dass der allgemeine, sicherlich von allen Misrachisten geteilte, Wunsch, den Aufbau unserer nationalen Heimstätte in einer Atmosphäre des Friedens mit dem arabischen Teil der Bevölkerung Palästinas durchzuführen, als solch ein Zukunftsplan angesehen wird. Da aber Dr. Simon schreibt, dass leider von solchen Plänen noch recht wenig zu merken ist, müssen wir annehmen, dass er von der durch den Brith Schalom geforderten sofortigen a k - tiven Versöhnungspolitik spricht, die von uns nicht als gangbarer Weg, die heutige politische Krise zu überwinden, angesehen werden kann. Wir sind der Ansicht, dass in diesem Augenblick tmsere ganze Energie dafür eingesetzt werden muss, von England als dem Mandatsträger diejenige Unterstützung zu bekommen, auf die wir kraft der uns gegebenen Versprechungen Anspruch haben. Die starke Position die wir dann haben, wollen wir im Geiste der Versöhnung auswerten, das heute schon zu erklären, stehen auch wir nicht an, aber der Angelpunkt unserer heutigen politischen Arbeit müssen die von Aktions- Comitä, Administrative-Committee und Execntive gestellten Forderungen an England sein. Wir können nicht daran glauben, dass in weiten Misrachikreisen in Erez-Israel oder ausserhalb des Landes ein seelischer Zustand besteht, der den Namen „Kriegspsychose" verdiente, unser oben gekennzeichneter Standpunkt, den wir berechtigt sind, als den der überwiegenden Majorität des deutschen Misrachi zu bezeichnen, hat jedenfalls mit einer solchen nicht das Geringste gemeinsam. Religiöse Führung tut dem Judentum sicherlich not, aber heute nicht mehr als zu allen Zeiten, denn wir sehen in der Art und Weise, wie die religiös eingestellten Massen auf die Ereignisse in Palästina reagierten, nicht ein allgemeines geistiges Versagen. Vorkommende Fehler in der Einstellung Einzelner sind nicht Symptom für die Anschauung der Gesamtheit. Dass aber starke und zielbewnsste religiöse Führung unter besonderer Berücksichtigung unserer Aufgaben in Erez-Israel, mag sie aus dem rabbinischen oder aus einem anderen Lager kommen, dringendes Erfordernis ist, darüber wird wohl kaum eine Meinungsverschiedenheit in unseren Kreisen bestehen. Die Berliner Redaktion des „Zion". Wollen wir glücklich sein? (Nach den Ereignissen in Erez-Israel) Hermann Cohens Ablehnung des Zionismus gründet in dessen Auffassung als einer „Episode". Was damit gemeint ist, erklärt unzweideutig ein von Franz: Rosenzweig überlieferter gelegentlicher Ausspruch: „Die Kerls wollen glücklich sein!" Wollen wir glücklich sein? Ich weiss nicht, ob Streben nach Glück für sich genommen ~mit Judentum und Sittlichkeit so unvereinbar wäre. Kant selbst fand in der Glückseligkeit die rechtmässige Entsprechung der Tugend, die Propheten erschauten in der messianischen Zukunft zugleich die Zeit des vollendeten Heils. Wenn heute die Juden, denen durch lange Jahrhunderte wahrlich genug Leids geschah und bis jetzt vielerorten geschieht, bei und unabhängig von aller Wahrung ihrer religiös ethischen Daseinsbestimmung, bei und unabhängig von aller Hochhaltung und Ernstnahme ihrer schwer verpflichtenden geschichtlichen Berufung, noch ihre allgemeine Lage zu bessern, „ein Körnchen Glück" zu haschen suchten, — ich weiss nicht, ob dies den Sinn ihrer Geschichte trübte, die Hoheit des Sittengesetzes beleidigte, missfällig sein dürfte in den Augen Gottes und der Menschen. Aber — wollen die Kerls denn glücklich sein? Viele wollten es wirklich, träumten von Glück — in der alten Volksheimat. Vom Glück der Ruhe und der Sesahaftigkeit, des Friedens und der Freiheit, der Sicherheit und Ungeitörtheit, der Bntrücktheit