Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 128 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133276-3139346-3139356--0177-3139660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 128 Z I 0 N •Nr. 10 des jüdischen Glaubens und des judischen Volkes ist Mendelssohn nicht immer glücklich und darf meiner Ansicht nach nicht immer massgebend sein. Er hat zu sehr die jüdische Religion mit dem Rationalismus identifiziert. Er spricht der jüdischen Religion den Eigenwert des Religiösen zu sehr ab, er verkennt den mystischen Hintergrund, das Geheimnis des Religiösen vitvh 'n t.d und den eigenen religiösen Sinn, der dem menschlichen Gemüt zur Erfassung des Göttlichen innewohnt. Er spricht der jüdischen Religion die Notwendigkeit und die geschichtliche Tatsache ab, Wahrheiten zu offenbaren, da die Vernunft sie selber finden könne und gefunden hat. „Grösser ist aber der, der als Verpflichteter etwas tut, als der es instinktiv oder nach dem Diktat seiner eigenen Vernunft tut". Judentum ist ihm weder als Volkswert noch als metaphysische Offenbarung aufgegangen, es ist ihm eine „Gesetzgebung". Er unterscheidet in einer für heutige Zeit naiven Weise zwischen der Aufgabe des Staates und der Religion. Der Staat soll es nur mit der polizeilich geregelten handlungsweise des Bürgers, die Religion mit dessen-Gesinnung; zu tun haben. Während die Propheten mit ihrem Leben dafür gekämpft haben, dass Politik sittlich und aus der Lebenslinie des geistig religiösen Judentums geführt werde*]. Er kennt den Wert der Geschichte nicht und damit zusammenhängend den hohen ethischen und metaphysischen Kern, der im Volksnahen steckt. Durfte in Israel keine Gotteslästerung gedacht oder begangen werden, weil Polizeistrafe darauf gesetzt war, oder weil über dem König und dem Staatsgesetz das Gottesgesetz stand? Es ist richtig, dass das erste Gebot nicht die Form eines Gebotes hat, sondern der Geist Gottes schwebt majestätisch über den Fluten, über Gebot und Verbot, über den Triebkräften von Menschheit und Schöpfung. Das Judentum ist aber kein Orden nnd kein Verein, es ist der organische Träger einer Weltoffenbarung. Die Tbora ist keine Gesetzessammlung, sondern Aufgabe und LösUDg der Men£chheitserziehung, ganz gewiss mit dem Diktat geistigen religiösen Lebensinhalts, mit der Verpflichtung Gott durch Erkenntnis zu lieben und durch Liebe zu cererkennen, mit der Verpflichtung, das Anschauliche, dem Verstand Zugängliche, auch mit dem Ver.-tand uns anzaeignen, und dem Verborgenen gegenüber die Demut des Staubgeschöpi'es zu bewahren. Den Begriff Menschheitserziehung erkennt Mendelssohn nicht und polemisiert gegen Lessings Erziehung des Menschengeschlechtes, nicht weil dieser das Christentum als höhere Entwicklung auflasest, sondern weil er selbst an eine Volkserziehung im ganzen *) Siehe: Herrn. Cohen, Beedutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit, Berlin 1910; A. Jakobus, Gottestaat S. 19; Herrn. Cohen, Religion der Vernunft aus den Q uellen des Judentums S. 421 22 ff. M. Lazarus, Ethik des Judentums, 1909, S. 16ß. nicht glaubt. Die Aufgabe der Volkserziehung, des Ausgleichs von Politik und Moral, hat er eben im Staatswesen nicht erkannt. Zusammenfassend kann man sagen, die Persönlichkeit Mendelssohns bleibt bewunderungswürdig, seine philosophischen Leistungen denkwürdig, seine jüdischen Verdienste um das Wohl und die Aufklärung seiner Brüder sind dauernd. Seine Einstellung zur Volkswesenhaftigkeit und organischen Geschichtlichkeit des Judentums ist nicht intensiv genug (siehe Jehuda Balevy). Hieraus erfolgt seine irrtümliche Methode in der apologetischen und systematischen Rechtfertigung der Ewigkeitsansprüche der jüdischen Religion und Kultur. Palästina -Tagebuch. Die Schwierigkeit. Die grosse Schwierigkeit, den alltäglichen Aufbau Palästinas in täglichen kleinen Massnahmen fort zusetzen, obwohl wir unterdessen die erste Erschütterung eines grossen historischen Erdbebens unter unseren Füssen gespürt haben, zeigt sich auch in der journalistischen Verpflichtung, das weitergehende Leben weiterhin zu registrieren, wie das hier seit Monaten unter dem besonderen Gesichtspunkt des traditionellen Judentums geschehen ist und weiter geschehen soll. Aber wenn wir nicht an der Fortführung unseres Aufbauwerkes verzweifeln wollen, dann müssen neben den grossen weit ausgreifenden Zukunftspläneu, von denen, insbesondere in der arabischen Frage, leider bisher recht wenig zu merken ist, auch die kleinen Schritte ununterbrochen weiterhin erfolgen. Wenn uns dennoch der grosse Staatsmann beschieden sein sollte, der etwa dieselbe Beharrlichkeit an die Versöhnung des arabischen Volkes setzte, die Weizmann durch die Bildung der Jewish Agency für die Versöhnung des jüdischen Volkes mit dem Zionismus aufgebracht hat, dann, aber auch nur dann, werden unsere kleinen Schritte nachträglich in ein sinnvolles System (inbezogen seia. Immerhin müssen sie inzwischen getan werden, und man darf auch wohl, selbst jetzt, in jener Hoffnung über sie berichten. Der Fasttag. Wenn ich nicht sehr irre, hat der — erfreulicherweise von beiden Rabbinaten, Kuck und Sonneiifeld, — ausgerufene Fasttag in Erez-Israel selbst geringere Resonanz gefunden als in der Diaspora. Während sich dort Zeitungsberichten zufolge, auch nicht orthod> xe Kreise am Fasten beteiligt haben, war hier davon im allgemeinen keine Rede, schon aus dem Grunde,- weil ein grosser Teil des neuen Jischuw von den Anstrengungen des Selbstschutzes, der Wachen'usw. so erschöpft war, dass er sich keine neue Schwächung auflegen wollte. Ausserdem aber fehlte meist die innere Einstellung, und man konnte nicht selten hören dass die alte Methode, Ueberlälle und Pogrome