Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 127 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 10 Z I 0 N Seite 127 landloses, „staatenloses" Bürgertnm nicht möglich. Mag der Gerechte wie die Zeder oder die Fichte wachsen, die Zeder braucht ihren Libanon and die Fichte ihre felsige Höhe. So ist auch Menschentum in Boden und Klima eingebettet und je fester sie wurzeln, umso mehr können sie Wind und Sturm aus Ost und West ertragen. Es nutzt der Blüte keine Befruchtung, wenn sie nicht vom Saft des Stammes gespeist ist, und dieser Saft dringt organisch im Stamm aus der heimatlichen Scholle empor. Hendelssohn war im Judentum verwurzelt. Sein Judentum war wurzelhaft erlebt, aus den Quellen des Elternhauses, aus dem Herzen und Monde grosser Lehrer, aus den Urschriften und den schriftlichen und mündlichen Stammtraditionen seines Glaubens gespeist und genährt. Doch die Aufgabe, die die Zeit ihm stellte, das bedeutende Schicksal, zu dem es ihn magisch hinzog, dem er freiwillig entgegenkam, dem er sich aber auch nicht hatte entziehen können, war problematisch. Er steht an den Grenzen zweier Zeitalter, die Aufklärung hat ihr Werk getan und die mittelalterlichen Fesseln gesprengt. Das klassische Zeitalter der deutschen Dichtung geht auf und befruchtet die Welt der Ideale und Gedanken mit der Wärme und schöpferischen Kraft des Gemüts. Der Despotismus ist erschüttert und der Staat verjüngt sich aus der selbstbestimmenden Mitarbeit des Volkes. Die Menschenrechte erwachen und lösen selbst die Fesseln des Ghettos. Mendelssohn wächst auf als Bürger zweier Welten. Die enge Welt des Ghetto, die Luft, Licht und Sonne nur in abgegrenzten Mengen einläBst, wird umbrandet von der Flut der Freiheit, des erwachenden Volksrechtes. Mendelssohn steht zunächst dem grossen, das Ghetto wie einEiland umpulsenden Lebenschwach, hilflosgegenüber. Unterscheidende Aeusserlichkeiten und Innerlichkeiten zwischen Ghettojudentum und neuzeitlicher Bildung und Lebensführung sind grösser als in den gesegneten Zeiten spanischen Judentums und seiner Umgebung, besonders der maurischen, oder des babylonischen Judentums und dessen Umgebung. Man kann den Inhalt jüdischer Geistesarbeit, die sich auf innerjüdisches Leben und solcher, die sich auf universale Bildung bezieht, nicht in zentripetale und zentrifugale Strömungen einteilen. Die Umspannung allen erreichbaren Wissens gehört in die innerste Lebensaufgabe des Judentums hinein. Saadja und Maimuni sind die entsprechenden Geistestypen. Aber gerade dieser Typus war in Deutschland und Nordfrankreich weniger vertreten. Und dieses Saadja und Maimuni nachgeartete Streben nach Universalismus und Allgemeinbildung tritt bei Mendelssohn als etwas für seine Zeit Unerhörtes, im deutschen Judentum noch nicht Erlebtes auf. Die Aufgabe war für Mendelssohn schwerer, weil sie im damaligen deutschen Judentum nicht organisch angelegt war, weil sie eine Art Mutation bedeutete. Es war nicht blos die Schwierigkeit der Arbeit zu überwinden, sondern die Schwierigkeit der Initiative für ein Wollen, das der damaligen Mentalität des deutschen Judentums nicht kongruent war. Diese Schwierigkeit war bedeutsamer als andere Hemmungen, wie Armut oder wie mangelnde Gelegenheit methodischer Belehrung. Mendelssohn hat sie in bewundernswürdiger Weise gelöst, wie bekannt z. T. mit dem Opfer seiner Gesundheit und vielleicht von Jahren seines Lebens. Der mit jüdischer und deutscher Bildung und Philosophie wohlvertraute, ja durchsättigte Schriftsteller und Gelehrte hat es dann unternommen, die Bibel seinen Brüdern in edler deutscher Sprache zu übersetzen und in diese Uebersetzung die besten Traditionen der mündliehen Ueberüeferung und des „Pschat" einfliessen lassen. Diese Uebersetzung wurde durch einen fortlaufenden Kommentar ergänzt. Kommentar und Uebersetzung sind prinzipiell aus dem Gedankengang der Tradition geschöpft und in Kritik und Problematik ist Mendelssohn wohl anerkanntermaasen nichj; so kühn wie andere jüdische Forscher, etwa Ibn Esra. Doch war die Uebersetzung in deutscher Sprache und ihre Veröffentlichung weit über den Kreis der Familie und intimer Freunde hinaus seinen jüdischen Zeitgenossen etwas Problematisches, das zu Befürchtungen, Widerstand und Verurteilung Anlass gab. Saadjas Uebersetzungen haben wohl kaum den gleichen Widerstand gefunden. Arabisch und Syrisch gehörten eben mehr zum gleichen orientalischen Kulturkreis und Sprachbezirk, und selbst das Griechische hat bekanntlich eine Vorzugsstellung genossen. Beialler streng jüdischen Lebensführung und allem jüdisch-talmudischen Wissen war Mendelssohn doch niemals eine rabbinisch-führende Autorität wie Saadja und der selbst viel bekämpfte Maimuni es waren. Es ist weder wie Moses noch wie Maimuni ein gleicher Prophet und ein gleicher universeller Führer des Judentums auferstanden. Vom Standpunkte des objektiven, strengstens konservativen, aber auch modernen Juden gesehen, bleibt die Bibelübersetzung Mendelssohns ein grosses jüdisches Verdienst. Bamberger, Hildesheimer, Hirsch, Lehmann und Joseph Nobel h"^ hatten es leichter mit ihren Uebersetzungen und Kommentaren. Die prinzipiellen Schwierigkeiten waren wenigstens im Kreise des deutschsprechenden orthodoxen Judentums behoben. Und dieses Verdienst gebührt zum grossen Teil Mendelssohn. Ein Parnes und Stadion war Mendelssohn hingegen in hervorragendem Masse seinen Glaubensbrüdern. Mit ganzer Liebe und Hingabe, mit Einsetzung seines persönlichen Wohles, ja seiner Existenz und persönlichen Sicherheit, ist er für das Wohl und die Freiheit seiner Brüder eingetreten und hat für die umstrittenen Wahrheiten seines Glaubens gekämpft. Hier erscheint mir ein Vergleich des Mendelssohn'schen Verteidigungswerkes mit den mittelalterlichen Glaubensdisputationen nach der psychologischen und dialektischen Seite hin interessant und wünschenswert. Aber in der Art seiner Apologetik und der Vertretung