Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- Seite 125 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133276-3139346-3139356--0174-3139657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 10 Z I 0 N Seite 125 danke einer Einheitsfront auch heute schon nicht den Utopien zuzugehüren. Jedenfalls erscheint mir der Gedanke einer Einheitsfront nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich. Und ist er dies, so ist es erforderlich, alle Schritte zu seiner Verwirklichung zu unternehmen, um des gemeinsamen Zieles willen, das über allem Anderen stehen muss. Ist aber nun die Zeit schon reif für eine solche Neuorientierung? Ich weiss es nicht. Ich bin keineswegs besonders optimistisch. Ich glaube auch nicht, dass dieser Artikel Zustimmung finden wird, weder hüben noch drüben. Hier ist das Gesetz der historischen Trägheit wirksam und es gehört schon ein hohes Mass an idealistischem Schwung dazu, um es zu überwinden. Auch ist eine Fülle von Zündstoff, von politischer und persönlicher Verärgerung, angesammelt. Wie gesagt, ob die Zeit schon gekommen ist, ich weiss es nicht. Die Entscheidung wird vor allem bei der Agudas-Jisroel liegen. Aber eins weiss ich : Will man ein solches Werk der Verständigung fördern, so muss man die polnische Grosszügigkeit und Klugheit, des Vergessenköunens lernen. Es sind sicher schwere Fehler iu der Vergangen heit gemacht worden. Aber es wäre der grösste Fehler, den langsam erwachenden Einheitswillen durch unfruchtbare Erinnerungen zu schwächen. Zar Verständigung ist es nie zu spät, aber auch nie zu früh. Dieser Aufsatz wurde vor der 2, Knessioh geschrieben. Der Verlauf dieses Kongresses hat den pessimistischen Befürchtungen des letzten Abschnittes Recht gegeben. Die Stimmung war direkt misrachifeindlich, auch die geringen Forderungen der deutschen Verständigungsl'reunde wurden briii-k abgewiesen. (Im übrigen bedeutete die 2. Knessioh noch in manch auderer Beziehung eine bittere Enttäuschung). Die obigen Darlegungen bleiben davon unberührt, ich und meine Freunde werden weiter unseren Weg verfolgen, ob es auch noch ein Jahrzehnt oder länger dauert bis wir Verständnis finden. Erwiderung. Dr. Harry Levy bezieht sich in seinem vorstehenden Artikel auf meine Ausführungen gegen den Fraenkei'sehen Aufsatz, in dem icli darzulegen versuchte, dass es eine von der agudistiechen verschiedene misrachistische Weltanschauung gibt, und dass aus diesem Grunde keine Möglichkeiten für Misrachisten bestehen, der Aguda anzugehören, oder gar aktiv in ihr tätig zu sein. Dr. Levy hält meine Anschauung für falsch. Es sei mir erlaubt, hier nochmals kurz meinen Gedankengang zu wiederholen und einiges, was sich aus den Geschehnissen seit den Züricher Tagungen ergibt, hin uizufügeu. Lebens- und Weltanschauung ist das. was im Mittelpunkt des geistigen Interesses des Menschen steht, seine Handlungen wesentlich beeinflusst. Zweifellos ist das für einen jüdisch-traditionell denkenden Menschen das jüdische Gesetz, das Agudisten and Misrachisten gleicherweise verbindlich erscheint. Aber das jüdische Gesetz ist kein starres, unbewegliches Gebilde, das aufgefasst werden will nach der Norm einer bestimmten Zeit, etwa der Zeit seiner Kodifizierung, oder nach derjenigen einer bestimmten Richtung, etwa der der Pharisäer zur Zeit des zweiten Tempels, es kann zu jeder Zeit das ganze zeitgenössische Leben mit einfangen, in sich verarbeiten und in neuem Gewände darbieten. Für uns Zionisten ist die Wiedererweckung des jüdischen Lebens durch das nationale Erlebnis, das die Rückführung ungezählter und unzähliger Juden zur Quelle unseres Seins ^darstellt, ein so integrierender Teil jüdischen Lehensinhaltes geworden, dass uns ein Judentum, das dieses Erlebnis ablehnt, oder nicht miterleben will, als ein nicht vollgültiges, torsohaftes, erscheint. Im Mittelpunkt unserer jüdischen Pflichten steht uns die Sammlung des Volkes um das Land der Väter, von dem wir Misrachisten uns bewusst sind, dass es eine Synthese bringen kann zwischen Volk und göttlicher Lehre, dass es sie bringen wird, wenn wir mit ganzem Ernst und unter Einsetzung unseres Lebens mitarbeiten an dem Werk der Gesamtheit. Die Sorge um die Zusammenfassung des jüdischen Volkes zu nationaler Einheit, aus der die thoragesetzliche Einheit werden soll, ist uns Lebensinhalt geworden. Die Ueberzeugung, dass nur von Erez-Israel aus eine solche Zusammenfassung möglich wird, nur von dort aus unser Gesetz wieder seine Macht auf das Leben der Judenheit entfalten kann, gibt unserer Auflassung von der jüdischen Welt und ihren Aufgaben das Gepräge. Wir schauen auf die jüdische Welt und das jüdische Leben nur von dieser Warto aus — deshalb ist das, was wir vertreten, misrachistische Weltanschauung. Und dass es, bei der Aguda gerade das Umgekehrte ist, hat uns die zweite Knessioh Gedauloh eklatant erwiesen. Die Gallith und nur diese, ist der Aguda Ausgangspunkt ihres Denkens und Handelns. Erez-Israel ist ihr ein Land der jauchen Zerstreuung, wie jedes andere auch, nur eines mit einer jüdischen Bevölkerung von geringerer Bedeutung für das Gesamtjudentum als andere Länder es sind. Die Zusammenfassung aller Kräfte zu geeinter jüdischer Tat für Erez-Israel wird abgelehnt, weil Einheit aller Juden nicht als ein durch die Thora verlangtes Prinzip anerkannt wird. Weil der Agudist für sein persönliches Seelenheil fürchtet, wenn in seiner gemeinsamen Arbeit mit Andersdenkenden kulturelle Institutionen, nicht etwa durch ihnselbst geschaffen werden, sondern nur neben den eigenen unterstützt werden, deshalb lehnt er das ganze von der überwiegenden Masse der anderen Judenheit gewollte zentraljüdische Werk ab. Er erwartet keinen neuen Impuls von Erez-Israel aus, er begnügt sich mit dem jüdischen Leben, das er in den Ländern der Golah kontrolliert und weiter in den Bahnen lenkt, die es bisher gegangen ist. Erhaltung