Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 9 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 118 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 118 Z I 0 N Nr. 9 Gestaltung unserer zukünftigen Beziehungen zum arabischen Volk. In Zürich haben wir aus dem Munde der Männer der erweiterten Jewish Agency neue Töne gehört, die in dieser Hinsicht Gutes erhoffen lassen. Hier öffnet sich ein Weg zum Herzen des arabischen Volkes. Weltsch fordert in dem erwähnten Artikel „gegenseitiges Kennenlernen"und Koop eration auf gemeinsamen Gebieten". Das sind verständige. Forderungen; man muss sie dahin ergänzen, dass die einwandernden Juden, abgesehen davon, dass sie sich in die arabische Sprache hineinzufinden suchen, zur kulturellen und sozialen Verständigung mit den Arabern sich der eingesessenen sepbardischen Juden bedienen, die ja die geborenen Mittler zwischen den neu ins Land kommenden Juden und der arabischen Bevölkerung sind. Es war ein psychologischer Fehler, dass man im bisherigen Verlauf des Aufbaus diese Kreise zu wenig herangezogen hat. Unser eigenstes Interesse gebietet uns, zu einer Verständigung mit den Arabern zu gelangen. Es ist unser Wunsch, dass diese Verständigung bald komme und dieses unschuldige Blut muss gesühnt werden. So fordert es jede Staatsraison, und diesem Gedanken hat auch MacDonald in Genf scharfen Ausdruck verliehen. Ein gerechtes Gericht muss walten. Dann aber gilt es, sich mit ganzem Herzen der Aufgabe zuzuwenden, Wege einträchtigen Zusammengehens mit den Arabern zu finden. Verständigung mit den Arabern erstreben heisst nicht sich in Gegensatz zu England setzen. Wir lehnen 6B ab, als Sklaven des englischen Imperialismus in Palästina zu wirken. Auf der anderen Seite wäre es unklug, ungerecht und undankbar von uns, wollten wir die Schwierigkeiten Englands im Orient noch vermehren. Wir stehen zwischen England und seinen mohammedanischen Völkern. Balfourdeklaration und Völkerbundsmandat zeichnen uns klar und deutlich unsere weltgeschichtliche Aufgabe in Palästina vor: im Sinne des Mandats und im Geiste des Völkerbundes an exponierter Stelle die zwischen der europäischen und der orientalischen Welt liegenden Spannungen lösen zu helfen und die Völker Europas und Asiens für gemeinsame frutchtbare Friedensarbeit auf Grundlagen der Gerechtigkeit und Freiheit zu gewinnen. Der Monat. Das Fasten des 29. Aw. In ganz Deutschland wurde in den Misracbi- Gruppen der von der Landeszentrale angeregte -Taanis abgehalten und Hespedim in den Synagogen veranstaltet. In Berlin versammelten sich in sämtlichen konservativen Synagogen, sowie in allen ostjüdischen Minjonim, tausende von trauernden Juden. Ueberall brachten die Rabbiner die Gefühle der Gemeinde zum Ausdruck, dass gegenüber diesem Unglück nicht nur der Trauer nachgegangen werden dürfe, nicht nur die Klage am Platze sei, sondern der Wille der jüdischen Gesamtheit sich festigen müsse, in der Zukunft mitzuarbeiten an der Neugestaltung jüdischen Volkslebens in Erez-Israel. In Breslau hatten sich Rabbinat der Gemeinde, Misrachi-Ortsgruppe, Zionistische Ortsgruppe und die Ortsgruppe der Agudas Jisroel durch besondere Bekanntmachung dem Aufruf der Misrachi- Landeszentrale zur Abhaltung des Taanis angeschlossen und gemeinsam den Tiauertag begangen. In Frankfurta^M. und Hamburg hatten die Rabbinate der Gemeinden aus eigener Initiative gleich nach Bekanntwerden der ersten Unglücksnachrickten einen Taanis angeordnet. Die Beteiligung war in diesen Städten eine ausserordentlich grosse, in der Gemeindesynagoge zu Frankfurt a. M. waren beim Hesped von Rabbiner Dr. Hoffmann etwa 1800 Menschen anwesend. In Leipzig, Beuthen und Karlsruhe fanden Trauerkundgebungen in ähnlichem Rahmen statt. Der nachfolgende Originalbericht aus Chemnitz zeigt besonders, wie in Orten mit nicht sehr starkem misrachistischen Einschlag die allgemeine Trauer sich doch ganz naturgegeben an unseren Kreis anschloss und dadurch die Trauerkundgebung zu einem Bekenntnis aller positiv eingestellten jüdischen Kreise zum Aufbau unseres Landes wurde. Chemnitz, 1. EM 5689. Auch in Chemnitz folgten sehr viele Juden dem Aufruf des Misrachi, am Erew Rosch Chodesch Elul zu fasten und der Opfer der Unruhen in Erez-Israel zu; gedenken. Die Ortsgruppen des Misrachi und Zeire Misrachi hatten in Gemeinschaft mit den 3 Bethausvereinen zu einer Trauerkundgebung in die Synagoge Schomre Hadass eingeladen. Noch vor Beginn des Gottesdienstes waren Betsaal und Frauenschul von ca. 4U0 Personen dicht gefüllt. Alt und Jung hatte sich eingefunden, um dem Mitgefühl mit unseren Brüdern in Erez Israel Ausdruck zu geben. Nach Vorlesung des Thoraabschnittes Wajechal hielt Rabbiner Dr. Schornstein, Dresden, die Trauerrede. In ergreifenden Worten wies er darauf hin, dass gerade am Tage der Zerstörung unseres Tempels, am heiligen Orte der Tempelruinen, die traurigen Ereignisse sich abzuwickeln begannen, die zur Einsetzung eines neuen Fasttages — eines neuen Tischoh Beaw — führten. Zweifellos trifft die Palästinaregierung grosse Schuld an den Unruhen in Erez-Israel, aber auch bei uns sollen wir Schuld suchen, weil wir bisher nicht mehr für Erez - Israel getan haben. Hätten wir alle unsere Pflicht getan, wäre das Unglück nicht über uns gekommen. Auch diesem neuen Tischoh Beaw kann ein Schabath Nachamu folgen, wenn wir unsere Unterlassungssünden wieder gutmachen. Das Gebot der Stunde ist daher, das Versäumte nachzuholen, die Anstrengungen und Leistungen für Erez-Israel zu vervielfachen. Besonders die gesetzestreuen Juden haben die Pflicht, mitzuarbeiten. Ihre Mitarbeit ist nicht nur geeignet, den äusseren, materiellen Aufbau unserer Heimat zu fördern, sondern auch das Aufbauwerk mit geistig-religiösen Werten zu durchdringen. Mit einem Gebet für die Seelen der gefallenen Helden schloss die Ansprache. Hierauf verlas Herr Rudolf Weisskopf eine Resolution, worin gegen das Verhalten der Mandatsregierung schärfster Protest eingelegt und folgende Forderungen erhoben wurden: Gntmachung der Schäden, Sicherungen für die Zukunft und energische Förderung des jüdischen Aufbaus. Die Resolution wurde unter sichtlich grosser Bewegung aller Anwe-