Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 9 (9.1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 117 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9 ÄIÖÄ Seite 117 Unter seinem Oberkommissariat ereigneten sich zwar im Jahre 1921 jene gegenüber dem jetzigen Aufruhr geringfügig erscheinenden Unruhen, die der erste Ausbruch der nationales Leidenschaften der Araber waren. Die vier Jahre darauf erfolgende Eröffnung der Jerusalemer Universität war der Prüfstein der Politik Herbert Samuels. Infolge der Weltpropaganda der zionistischen Organisation und der Teilnahme der hervorragendsten englischen Persönlichkeiten wie Lord Baliour und Lord Allenby an den Eröffnungsfeierlichkeiten waren die Gemüter, der arabischen Nationalisten innerhalb und ausserhalb Palästinas aufs höchste erregt. Die Feierlichkeiten verliefen gleichwohl ohne jede Störung der Ruhe. Man hatte voTher gefabelt, dass England zum Schutze der Ordnung ein Heer von 20000 Mann nach Palästina zu senden beabsichtigte. In Wirklichkeit wurden keinerlei besondere militärische Massnahmen getroffen. Herbert Samuel war sich seiner Sache sicher. Er führte die Geschäfte des Landes mit Festigkeit, aber er stützte sich nicht auf Bajonette, sondern auf eine Politik der Klugheit, der Menschlichkeit und des Taktes gegenüber der arabischen Majorität. Seine freundliche und bescheidene Art gewann ihm die Herzen der jüdischen wie der arabischen Bevölkerung des Landes. Bei einem Abscbiedsbankett — es war am niyaff«Fest 5686 — sagte Oberrabbiner Kuk beim »np unter dem Beifall der Zuhörer zu Herbert Samuel: Sie haben ans das Tor des heiligen Landes aufgestossen; wir hätten gewünscht, dass es Ihnen vergönnt worden wäre, Ihr Werk fortzusetzen. Die Kritiker der Samuel'sehen Politik behaupten, dass Herbert Samuel die Araber zuungunsten der Juden, die zu schützen nnd zu fördern ihn das britische Mandat verpflichtete, bevorzugt habe. Diese Behauptung ist nicht unbegründet. Indessen die heutige Situation lehrt, dass Herbert Samuels Politik die richtige gewesen ist. Nach seinem eigenen Wort kam er nicht wie einst Josua Sohn Nuns als Eroberer ins Land. Er musste ebenso auf die Araber wie auf England Rücksicht nehmen bei der Durchführung der schwierigen Aufgabe, in ein Land mit arabischer Majorität Juden in einer solchen Zahl hineinzubringen, dass allmählich das Kräfteverhältnis sich zugunsten der Juden verschob. Er musste behutsam vorgehen. Wie viel Blut wäre während seiner Amtsdauer geflossen und wieviel Schwierigkeiten hätte er der englischen Orientpolitik bereitet, wenn er statt der „Politik des geringsten Widerstandes" einseitig und mit Gewalt die Forderungen der Juden durchzusetzen versucht hätte! Es ist wahr, das Aufbauwerk hätte rascher vorwärts gehen, es hätten unter seiner Verwaltung mehr Stützpunkte im Lande gewonnen, mehr Kolonien gegründet werden müssen — dass es langsamer vorwärts ging, daran hatte jedoch nicht die Politik Herbert Samuels schuld, sondern die Tatsache, dass die zionistische Organisation zu schwach war, um eine grosszügige Kolonisation ins Werk zu setzen. Es ist heute nicht die Zeit, darüber zu reden, woher es gekommen ist, dass die erweiterte Jewish Agency erst zwölf Jahre naeh der Balfourdeklararion hat gegründet werden können. Das aber mnss gesagt werden: wenn Herbert Samuel statt einer ewig mit Finanznöten kämpfenden Organisation die machtvoll zu einer Einheit zusammengeschlossene jüdische Gesamtheit zum Partner gehabt hätte, so hätte er das Aufbauwerk in einem ganz anderen Masse fördern können. Die Gründung der Jewish Agency erfolgte in dem unglücklichen Moment, als kein Herbert Samuel das hohe Kommissariat von Palästina verwaltete und selbst Lord Ohancellor nicht im Lande weilte. Herbert Samuel war der erste Meister der Araberpolitik. Auf zionistischer Seite fand er für diesen Teil seiner Politik wenig Verständnis und keine Mitarbeit. Robert Weltsch hat in einem .Jüdische Solidarität" überschriebenen Artikel in der Jüdischen Rundschau vom 3. 9. 29. über das jüdisch-arabische Problem zutreffende Ausführungen gemacht. Er hat sich scharf dagegen gewandt, dass Jahrelang auf dem Gebiete der arabischen Politik nicht das Geringste geschehen ist"; wir Juden, so sagt er, haben niemals direkt zu den Arabern gesprochen, die meisten verstehen nicht ihre Sprache, man ignoriert am liebsten diese unbequeme Zutat in Palästina, denn „es gibt ja kein jüdisch-arabisches Problem". Es ist zu begrüssen, dass man heute, naeh den schweren Ereignissen in Palästina, dieses Problem in seinem ganzen Umfange und in seinem ganzen Ernst im jüdischen Lager zu erkennen beginnt. Die Lösung des Problems ist ausserordentlich schwierig, durch die neuen Ereignisse noch schwieriger geworden. Wir würden einen Schritt vorwärtskommen, wenn in Zukunft nur solche Persönlichkeiten mit der Führung der Geschäfte in Palästina betraut würden, welche — neben anderen Voraussetzungen — die Fähigkeit und Eignung mitbringen, sich in die Seele der Araber einzufühlen. Aber das ist nicht genug. Nicht nur in der jüdischen Personalpolitik muss eine radikale Aenderung eintreten, sondern in der gesamten Politik des Aufbaus. Der bisherige Aufbau des jüdischen Palästina hat zu wenig Rücksicht genommen auf die Besonderheit des Landes, auf seine soziologische Struktur, [auf seine Kultur, auf seinen drei Weltreligionen heiligen Boden. Hier liegen Fragen des Taktes vor, die nur von höchster Warte aus befriedigend gelöst werden können. Der Versach, Europa nach Palästina zu verpflanzen, ohne Uebergänge, ohne insbesondere auf die Gefühle der arabischen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen, stellt eine Verkennung der Möglichkeiten dar, die eine der tieferen Ursachen unserer gegenwärtigen Situation im Lande ist. Diejenigen, welche beim Aufbau Palästinas die Säkularisation des Judentums als ihrer Weisheit letzten Schluss verkünden, ahnen nicht, welch eine Herausforderung der gesamten arabischen, sowohl mohammedanischen als auch christlichen Welt hierin liegt. Dieser über die Religion sich erhaben dünkende absolute Nationalismus ist unser grösster Gegner auch in der