Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 8 (8.1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 100 Z 10 N Nr/8' streben, das objektiv identisch ist mit dem traditionellen. Eine dritte Gruppe ist so glücklich, die dogmatischreligiösen Ueberzengnngen und die mit ihnen zur Einheit verknüpften Institutionen mit dem durch moderne Auffassung bedingten Weltbild in eine feste Relation bringen zu können. Diese Unterscheidung zwischen dem Erlebnismässigen und Institutionellen gibt es auch anderswo. Und es ist ein grosser Irrtum unserer Freunde im allgemeinen Zionismus, wenn sie betonen, dass nur das, was erlebnishaft sei, verpflichtende Kraft haben könne, dass sie aber alles andere, was institutionell geworden ist, ablehnen müssen, wofern es nicht absolut einleuchtend sei im rationalen Sinne. Diese Ansicht ist ein bedauerlicher Irrtum. Auch wenn das Erlebnishafte fehlt, dürfen die Institutionen nicht preisgegeben werden, weil die Existenz des Volkes dadurch unmittelbar bedroht ist. Wir haben zwei grosse Typen in der jüdischen, ßeligionspbilosophie, den nationalen und den rationalen Religionsphilosophen. Wenn sich unsere zionistischen Freunde für einen jüdischen Religionsphilosophen zu entscheiden hätten, so täten sie es wohl meist, entsprechend ihrer Mentalität, für Maimonides, den rationalen Philosophen. Der Philosoph der nationalen Wiedergeburt ist aber Jehuda Halevi und von dieser Philosophie wird einfach akzeptiert was unser Volk in seinem Dasein sichert. (Ich will dieses Thema hier nicht in seiner ganzen Schwierigkeit durchdenken. Es gibt sehr viele — ich gehöre dazu, — die nur durch einen synthetischen Typ der Religionsphilosophie befriedigt würden. Dass aber bei Maimonides — und das ist hier der entscheidende Gesichtspunkt — das Problem des Nationalismus zu kurz kommt, steht ausser Frage.) Bei der Erziehung muss man sich für eine Anschauung entscheiden, welche die Existenz des Volkes sichert. Wir sind nicht verpflichtet, als Zionisten am Neu' au der jüdischen Philosophie mitzuarbeiten. Wir haben lediglich das Maximum und Optimum einer Theorie zu leisten, welche ^die Gewähr bietet, dass das Volk fortdauern kann in der Geschichte. Wenn wir andererseits in unserer modernen hebräischen Literatur so fruchtbar sind, so muss festgestellt werden, dass fast alle ihre Schöpfer Sprösslinge des alten Beth Hamidrasch und der alten Jeschiwah sind, und dass der Reichtum unseres alten jüdischen Lebens und Denkens das Fluidum, die Voraussetzung und oft auch die Krönung ihres Werkes ist. Wissen wir, ob die zweite Generation auch so reich sein wird? Wir haben die Pflicht, daran zu bauen, dass die nächste Generation nicht vom Judentum abkomme, sondern noch tiefer ins Judentum eindringe. Die hebräische Sprache wäre leichter in unserem Leben zu verankern, wenn es im jüdischen Hause eine religiöse Tradition, wenigstens eine objektive religiöse Tradition gäbe. Wir fordern ja nicht, dass Sie alle zu unserem Programm stehen, wir wollen Sie nur zur Besinnung rufen. Halten Sie fest, was Sie halten können, seien Sie Pädagogen, vergessen Sie nicht, dass es ein Verhängnis ist, wenn in der Kindererziebung allzu früh der Intellektualismus Platz greift. Man darf die Gemütswerte der Erziehung nicht vernachlässigen. Versagt man dem Kind die religiöse Erziehung, so raubt man ihm noch mehr, als wenn man die Märchenwelt ihm nähme, mir liegt eine Identifizierung dieser beiden Gebiete natürlich sehr fern, es ist nur ein Vergleich, und ich denke hier lediglich im Geiste der pädagogischen Kategorien jener, die selbst die Welt der Frömmigkeit abiebnen, ihre erzieherische Bedeutung aber mindestens als Durchgangsstadium anerkennen müssten. Wer in den religiösen Formen und Institutionen lebt, die ungezählte Millionen durch Jahrtausende geübt haben, findet so nicht nur zum Volke und zur Wiedergeburt den Weg, sondern auch zu seiner individuellen Religion und Gläubigkeit. Das ist doch auch ein nationales Ideal. Vergessen Sie nicht, dass'viele Schritte notwendig sind, bis wir wieder in unserem Lande verankert sind. Die Tradition ist ein Weg zur Repatriierung und die Repatriierung ist ein Weg zur Tradition. So unterstützen sie sich gegenseitig. Es gibt da zwei Gesichtspunkte: Vollendung und Fortschritt. Vollendung besitzt jüdische Tradition gewiss; Fortschritt erstreben die, welche sich von ihr unabhängig machen wollen. Beharren wir bei der Vollendung und suchen wir Fortschritt von der Vollendung aus, geben wir aber einem scheinbaren Fortschritt zuliebe die Vollendung nicht auf, die wir hatten. Denn nicht selten schlägt das Fortschrittsstreben zu allererst die tragenden Pfeiler des Baues der Vollendang ein. Das, was für uns charakteristisch ist und bleiben muss, ist die Halachah als das, was unser Leben führt, normiert und formt. Und dies ist auch ein Gebiet, auf dem wir uns treffen können, selbst von verschiedener Weltanschauung aus. Auch wenn man einen Augenblick vom dogmatischen Unterbau abstrahiert, bleibt die Halachah ein unendliches, gewaltiges System für lieben und Fühlen und Denken und geistiges Schaffen, wie bei keinem andern Volk. Die Halachah hat uns gross gemacht und hat unseren Geist geschärft, dass er fähig wurde, auch auf anderen Gebieten Hervorragendes zu leisten. Die Halachah ist gleichzeitig der Träger der grossen hebräischen Literatur, die das Beste ist, was wir besitzen, und hat alle Typen der Literatur hervorgebracht, sowohl die halachische Exegese als die Systematik, als auch das kasuistische Schrifttum. Die erste Stufe war die Exegese (halachische Midraschim). Daraus ergab sich allmählich schon in der Mischnah nnd im -Talmud die Systematik, die in den grossen Werken der Dezisoren zur Vollendung gelangt. Und schätzen Sie nicht gering die Scheeloth nnd teschuboth, denn dieser Zweig der Literatur zeigt das wahre und ungetrübte Leben des Volkes; hier zeigt das Volk, dass es nicht nur denken kann, sondern dass es-sich auch am Leben erhalten will im Einklang mit seinem Gesetz. Es ist unmöglich, auf das Absolute, Normative zu