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Zion · 1929-08-01 · 8 (8.1929) · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
8 (8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Z I 0 N Seite 99 Die Bedeutung der religiösen Tradition für die jüdische Renaissancevon Dr. Oskar Wolfsberg. Vorbemerkung: Auf Wunsch der Redaktion des „Zion" erfolgt an dieser Stelle eine ungefähre Wiedergabe des dem Misrachi zugeteilten Korreferates über Kulturfragen in den Diasporaländern auf dem 16. Zionistenkongress in Zürich. Das Thema wurde am 6. August im Plenum erörtert. Da ich erst unmittelbar vor der Sitzung von der Fraktion zum Korreferenten gewählt wurde, konnte das sehr ernste Problem nicht auf Grand einer sorgfältig vorbereiteten Gedankenfolge und an Hand eines Konzeptes, sondern leider nur in einer improvisieiten Rede behandelt werden. Deshalb kann hier anch nur eine ungefähre Wiedergabe auf Grund des Stenogramms und einiger gedächtnismässig eingeschalteter Ergänzungen an Stellen, wo das sonst gute Stenogramm nicht ganz zutreffend ist, erfolgen. Von einflr Umarbeitunz oder einer Erweiterung und Vertiefung wurde hier abgesehen, um dem Leser ein ungeschminktes Bild der tatsächlich gehaltenen Rede zu vermitteln. Das Korreferat wurde mit einigen hebräischen Sätzen eingeleitet, in denen ich den Kongress um Nachsicht und Verzeihung ersuchte, weil ich in deutscher Sprache fortfahren müsse. Ich begründete dieses Verhalten mit dem Umstände, dass ich erst vor wenigen Augenblicken zum Redner bestimmt worden und nicht der doppelten Schwierigkeit: ein schwieriges Thema einigermassen adaequat zu behandeln und dazu mich einer Sprache zu bedienen, die ich nicht täglich spreche, gewachsen sei. Ich brauche bei Erörterung des Themas Kulturarbeit nicht ausführlich auf die Punkte einzugehen, in denen eine Uebereinstimmung zwischen Zionisten und dem Misrachi besteht. Es ist selbstverständlich, dass das Hebräische uds eben so lieb und teuer ist wie allen Zionisten, und dass es keine Kulturarbeit in Erez Israel oder in der Golah geben darf, die nicht Hebräisch als Fundament anerkennt. Im übrigen scheiden uns viele Anschauungen und es trennen sich unsere Wege. Ich will die Dinge nicht historisch, sondern systematisch, überzeitlich zu fassen versuchen. Es gibt zwei grundsätzliche Betrachtungsweisen: Die Prüfung dessen, was Kultur überhaupt sein soll, und was insbesondere jüdische Kultur sein muss für alle Zeiten. Bei uns wird vielfach eine Selbstbeschr'änkung geübt, und wir glauben Kultur so interpretieren zu können, dass die Sprache das Wesen der Kultur sei. Dem müssen wir widersprechen, nicht nur weil dabei die religiöse Tradition zu kurz kommt, sondern aus einer Bewertung der Kultur, wie man sie auch ausserhalb jedes religiösen Systems üben muss. Ist doch erst jetzt, während unserer kulturellen Renaissance, eine Selbstbesinnung auf unsere Sprache erfolgt. Man spricht vielfach davon, dass unser jüdisches Mittelalter noch nicht sehr lange beendet sei, und dass erst, seit wir in unsere Neuzeit eingetreten sind, wie einst in dei europäischen Renaissance und der durch sie bedingten Emanzipation des freien Geistes und des Individuums, auch bei uns Wissenschaft religiöse Tradition und Geistigkeit zu verdrängen berufen sei. — Ich glaube, dass in der Renaissance eines Volkes Wissenschaft nicht das höchste Ideal ist, jeden, falls aber nicht das einzige. Ich unterschätze die Wissenschaft gewiss nicht, trotzdem glaube ich, dass die Theorie einer nationalen Renaissance unmöglich ihren Schwerpunkt in der letzten wissenschaftlichen Mode haben kann. Denn um die Mode handelt es sich oft mehr als um die strengsten, ernstesten Richtlinien. Ich spreche von Mode, weil die meisten, die zu den Problemen der kulturellen Renaissance Stellung neh-> men, nicht selbst am Bau der Forschung mitschaffen sondern nur passiv den oft zeitbedingten Strömungen folgen und ohne innere letzte Befugnis hier das Wort führen. Sie lassen sich vom Strom treiben und machen den geistesgeschichtlich gewiss bedeutsamen und berechtigten Wandel der Theorien und Richtungen kritiklos mit. Heute ist es die Psychoanalyse, morgen die Individualpsychologie oder der Behaviorismus, denen man Gefolgschaft leistet, ohne dass man sie schaffen half. Die Sprache ist selbstverständliche Voraussetzung der Wiedergeburt. Aber man sollte einsehen, welch schöpferische Kräfte in denjenigen Dingen liegen, welche unserem Volke eine Sonderstellung unter den Völkern gegeben haben. Kein Mensch kann mit gutem Gewissen den Nationalismus verteidigen, wenn er sich nicht darauf beruft, dass dieses Volk Wesentliches der Welt gegeben hat. Und ich glaube, es wäre nicht richtig zu sagen, dass wir nur durch unsere Sprache zum ewigen Volk, zum Am Olam, geworden sind. In der Kultur der Gegenwart, noch mehr aber in der Kultur der Zukunft, steigen viele verschüttete, seelische und geistige Werte wieder empor, die zu erfassen die Methoden der Wissenschaft viel zu grob sind. Dennoch sagt uns unsere Ueberzeugung, dass diese Werte existent sind, und dass sie als gemeinschaftsbildende Fäktoren bedeutsamer sind als Wissenschaft und Technik. Kein einziges Volk kann geltend machen, dass es eine Geistesgeschichte solcher Kontinuität besitzt wie wir. Bei keinem Volk lässt sich zeigen, dass seine Geschichte so abhängig ist von seiner besonderen Tradition, deren besonderes Kennzeichen die Religion ist, wie bei uns. Mit diesem System, mit diesem Gebäude ist unser Volk durch die Geschichte gezogen,- und nun sollen im Zeitalter der nationalen Renaissance mit einemmal alle diese Dinge belanglos geworden sein? Sie sind nicht belanglos geworden. Es gibt einen grossen Teil des Volkes, der in der Tradition beharrt, einfach weil er in ihr seine wesensgemässe Lebensform gefunden hat. Aber es gibt andere Menschen, welche bei aller Anerkennung, die sie der Analyse der Wirklichkeit durch die Wissenschaft zuteil werden lassen, die religiösen Institutionen als ewiges und nicht zu vernichtendes Ferment erkennen, und welche zu einem Erziehungs- und Kultursystem hin-

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