Mannheim
Compact Memory

Zion · 1929-06-01 · 6 (6.1929) · p. Seite 79

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
6 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 79 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3133276-3139346-3139352--0108-3139587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 6 Z I 0 N Seite 79 mit der ungeheuren Verantwortung belastet ist, gleichsam der offizielle Träger der Thora, des jüdischen ürideals, im werdenden Palästina zu sein. Jede Beurteilung der misrachistischen Tätigkeit und Politik im Lande muss von der Würde dieser geschichtlichen Aufgabe ausgehen und ihre strengen Masstäbe von ihr ableiten. Jede orthodoxe Politik wird immer wieder erneut vor zwei Grundfragen gestellt werden. Die erste ist die Frage der Einheit oder der Trennung, bezw. die der täglich neu festzulegenden Grenzlinie zwischen beiden Haltungen. Und die zweite ist die nach den selbstkritischen Hemmungen, die jede thoratreue Politik sich auferlegen muss, damit nicht ihre Kampfmittel in allzu schroffem Gegensatz zu ihrem Kampfziel treten und dessen Erreichung illusorisch machen, selbst falls sie äusserlich glückt. Betrachten wir von diesen beiden Kriterien her die misrachistische Politik in Erez-Jisrael! I. Was die Frage der Einheit oder der Trennung angeht, so wird man wohl widerspruhcslos feststellen können, dass die Misrachi-Politik in Palästina, vor allem die der zentralen Misrachileitung, weniger die der Landesorgauisation, erheblich separatistischer ist als etwa die Haltung, die der Misrachi im Galuth, insbesondere in Deutschland einnimmt. Hier zeigt sich eine der zahlreichen Antinomien, in die das gesamte Palästinawerk durch die in sich so verschiedenartigen Forderungen der weltanschaulich-demagogisch fundierten Propaganda einerseits und des realpolitisch-interessenbehafteten Aufbaus andererseits verstrickt ist, und zwar in allen seinen Teilen. Die gesamte Ideologie des Misrachi, besonders dann, wenn sie, wie im Galuth, werbend auftritt, ist auf die Betonung der Einheitsidee gestellt, die fast immer kulturell, nicht selten sogar religiös mit dem Hinweis auf die Gesamtverpflichtung aller Juden motiviert ist. Es ist gleichsam, um in Kategorien zu sprechen, die dem deutschen Leser vertraut sind, nur höchst selten das Hamburger Gemeindesystem, das völlige innere Trennung des orthodoxen und des liberalen Gemeindeteiles bei rein technisch-administrativem Ueberbau vorsieht, dem die Haltung des Misrachi innerhalb der Zionistischen Organisation vergleichbar wäre, sondern etwa das Frankfurter System, das zwar verschiedene Synagogen und Schulen vorsieht, aber doch jedem Mitglied der Gemeinde, sei es orthodox oder liberal, das Bewusstsein gibt, wirklich in einer gemeinsamen Gemeinde eine Art jüdischer Heimat gefunden zu haben. Nur von diesem Pathos aus waren die Erfolge des Misrachi bei den jüdischen Massen möglich. Ganz anders steht es nun in Palästina selbst. Hier gilt es, in hartem Ringen nicht Seelen, sondern Budgetanteile und Einflussmöglicbkeit zu gewinnen. Die administrative und finanzielle Einheit mit den übrigen Teilen der Zionistischen Organisation ist durch die Wirklichkeit des Landes als solche anbestritten gegeben und kann keinerlei gefühlsmässige Bindungen mehr auslösen. Alles übrige aber, was in Deutschland zum Beispiel dem misrachistischen und dem nichtmisrachistischen Mitgliede etwa der Zionistischen Vereinigung oder der Jüdischen Volkspartei gemeinsam ist: etwa das Eintreten für hebräische Sprache für »jüdische Kultur" (als unbestimmt formale Forderung) oder der Kampf gegen die Assimilation, all das fällt in Palästina fort, weil es aus einem formalen Postulat zu mehreren inhaltlichen Erfüllungen geworden ist, die sich kaum noch durch einen schmalen äusseren Rahmen vereinigen lassen. (Jüdische Kultur) So etwa mag sich für die verantwortlichen Leiter der misrachistischen Palästinapolitik die Problematik der Einheitsfrage darstellen, und so ist sie auch auf den ersten und vielleicht noch auf den zweiten Blick; ja, so bleibt sie für den, der im täglichen Kampfe nicht die Müsse der Selbstbesinnung finden kann, um sein eigenes, täglich notwendiges Werk im historischen Zusammenhang einer grösseren Zeitspanne kritisch zu werten. Wem aber die Gunst seiner etwas distanzierten Beiseitestellung den Blick freier gelassen hat, der mag wohl erkennen, dass neben diesen unzweifelhaft vorhandenen Hindernissen auf dem Wege einer wirklich innerlich unseparatistischen nationalreligiösen Einheitspolitik in Erez Jisrael auch neue positive Möglichkeiten gemeinsamen Schaffens aufgetaucht sind, die als Ausgleich der verloren gegangenen, im Galuth noch vorhandenen Möglichkeiten entdeckt und ausgenutzt werden sollten. Wird dies für die Dauer verabsäumt, so wird allmählich eine unüberbrückbare Spannung zwischen Ideologie und Praxis des Misrachi im Galuth einerseits und in Palästina andererseits auftreten. Einige dieser Möglichkeiten seien im folgenden, wenigstens kurz, behandelt. Da ist zunächst die grosse Aufgabe der Schaffu.ng jüdischer Gemeinden. Das wird dem nichtpalästinensischen Leser paradox vorkommen, entspricht aber genau dem wirklichen Tatbestand: es gibt; bestenfalls irgend welche, meist nicht sehr festgefügte Gemeindeorganisationen, um deren weitere Festigung sich übrigens gerade in letzter Zeit der palästinensische Misrachi verdienstvoll bemüht, und es gibt einzelne Betstuben, die ihren bestimmten Kreis haben, aber schon mit der Nachbarsynagoge kaum mehr in einer inneren Verbindung stehen. Alles da3 aber, was etwa der deutsche Jude an Gefühlsinhalten d'rum gehe zur Wahl — und wähle Misrachi!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.