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Zion · 1929-06-01 · 6 (6.1929) · p. Seite 78

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
6 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 78 (sequence 12)
Language
German
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Seite 78 Z I 0 N Nr. 6 Selbstkritik der Orthodoxie nicht halt machen wird, und wenn sie in diese Selbstkritik auch die zionistische Orthodoxie, auch den Misrachi und seine Freunde, einzubeziehen gedenkt, so ist sie sich freilich der unmittelbaren realpolitiBchen Folgen solcher Haltung durchaus bewusst und verschliefst keineswegs vor ihnen in romantischer Flucht den Blick. Sie weiss, dass unsere Gegner, insbesondere unsere orthodoxen Gegner, deren Selbstsicherheit von jeder Selbstkritik dreifach gepanzert ist, unsere Worte aufgreifen und gegen uns kehren werden; sie weiss dies, und noch manches mehr, aber die Wahrheit ist ihr wichtiger. In ihrem Namen sei das folgende gesagt und — gelesen. Zur Misr achi-Politik in Palästina. Wer aus dem gesetzestreuen deutschen Judentum kommt und nach Palästina übersiedelt, ist dort einige Zeit, ruhig beobachtend, doch auch schon tätig zugreifend, sich in den Kreisen der Orthodoxie und in denen der Nichtorthodoxie umsieht und umtut, der empfindet zunächst folgenden krassen Unterschied zwischen der alten Heimat und der neuen: In Deutschland gewinnt dio Orthodoxie zweifellos Boden: in Palästina verliert sie ihn ebenso zweifellos. Es ist keine Frage, dass die Abfallbewegung der gesetzestreu erzogenen Jugend in Deutschland im wesentlichen zum Stehen gebracht ist; ja, dass heute vielfach die Jugend „frommer" und vor allem kentnnisreicher und deshalb bewusster im Judentum wurzelt als die Generation der Eltern. Ebenso sehen wir, dass, mindestens in den Grosstädten, die heute den Kern der deutschen Judenheit umfassen, der Einfluss der Gesetzestreuen auch gegenüber denjenigen Schichten im Wachsen ist, die sich ihnen nicht angeschlossen haben. Die Zionisten sind heute weniger nurnationalistisch, als sie es vor zwanzig Jahren waren, die Liberalen weniger „liberal", und die Gemeinden weniger blosse Verwaltungsbehörden und stärker mit jüdisch-religiösem Geiste durchsetzt. Von all dem ist in Palästina kaum etwas zu spüren, was auf den ersten Blick umso merkwürdiger berührt, als ja auch in Deutschland diese Wandlang zum Guten, neben dem Einflass der allgemeinen Zeitströmung, keineswegs der Orthodoxie allein zugeschrieben werden darf, sondern mindestens im gleichen Masse auch der nationalen Bewegung selbst, die sich aus anfänglichem Formalismus immer mehr zu einer Besinnung auf die Grundinhalte des Judentums hinfindet. Und diese Bewegung, deren Antrieb und Ziel Zion ist, sollte überall religiös - schöpferisch stärker wirken, als eben in Zipn? In der Tat ist es, in vieler Beziehung, wirklich so. Und die Grande? Der eine liegt in dem gleichsam chronologischen Unterschied zwischen beiden" Ländern und ihren Judenheiten: Deutschland hat sein 19. Jahrhundert hinter sich, es hat die Früchte der Aufklärung gepflückt und sich an ihnen gestärkt, ist nun aber dabei, zu neuer Nahrung überzugehen; Palästina aber steht noch vor der Epoche des Rationalismus, den es jedoch nicht im behaglichen Tempo unserer Grossväter durchzunehmen sich anschickt, sondern im europäischen Tempo von Radio und Flügzeug. Daran mag es auch liegen, dass jener bedeutende Kreis Jerusalemer Maskilim, frommer Maskilim, der sich um Pines, Nachman Krochmals grossen Schüler, scharte, und dem Manner wie Luntz und Frumkin angehörten, zu keiner rechten Auswirkung gekommen ist: den einen zu aufgeklärt, den anderen zu fromm, haben sie etwa das Schicksal erlitten, das Esriel Hildesheimer und Samson Raphael Hirsch während ihres langen vergeblichen Kampfes in Eisenstadt und Nikolsburg bedrohte: erst Berlin und Frankfurt, erst Deutschland, nicht aber Ungarn und Mähren, hat den Neubegründern der Orthodoxie das Material für ihre historische Aufgabe in die Hand gereicht. Das orthodoxe- Palästina aber ist, chronologisch gesehen, vorhildesheimersches Ungarn. Dies ist der eine Grund, den keine politischen Massnahmen aus der Welt schaffen können, sondern der nur durch gründliche Erkenntnis und Durchleuchtung langsam zu bezwingen ist. Der andere Punkt aber, scheinbar weniger wichtig, doch jenen ersten vorbedingend, unterliegt menschlicher Regelung und Ordnung: er betrifft die orthodoxe Politik im Lande. Es sind drei Faktoren, die das Gesicht der orthodoxen Politik in Erez-Jisrael bestimmen: die Agudath- Jisrael, der Misrachi und das Oberrabbinat in seinem aschkenasischen und seinem sphardischen Zweig; von dieser zentralen Behörde und der gesamten Problematik des Rabbinats in unserer Gegenwart, auf die auch schon Gabor Unna's so sehr beachtlicher, an 'dieser Stelle veröffentlichter Aufsatz „Ein neuer Weg" hingewiesen hat, soll in einem besonderen Artikel dieser Aufsatzserie die Rede sein. Ueber die Agudath- Jisrael wiederum können wir uns kurz fassen: ihre konsequent separatistische Politik, viel konsequenter als die ihrer Schwesterorganisationen im westlichen Europa gegen jeden Hauch von Bildung gerichtet und immer noch z. T. mit der mittelalterlichen Waffe des Bannes kämpfend, fordert zwar dauernde Auseinandersetzung, steht aber dem Leben des neuen Jischuw allzu fern, als dass sie irgendeinen, sei es positiven oder negativen Einflass aui seine Einstellung zur Thora haben könnte. Es bleibt der Misrachi, der dadurch Der Väter Geist soll in Erez-Israel lebendig werden,

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