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Zion · 1929-06-01 · 6 (6.1929) · p. Seite 80

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
6 (6.1929)
Date
1929-06-01
Page
Seite 80 (sequence 14)
Language
German
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Seite 80 Z I 0 N Nr. 6 und religiösen Werten mit dem Wort „Gemeinde" verbindet, fehlt in Palästina beinahe völlig. Es fehlen Synagogen, die dem europäischen Juden oder der sich rasend schnell europäisierenden Jugend ans den orientalischen Gemeinden des Landes eine Brücke zwischen dem traditionellen Judentum und den ihnen gewohnten oder von ihnen erstrebten Lebensgewohnheiten schafft. Es fehlt eine von der Gemeinde ausgehende und von religiösem Geiste durchatmete Wohlfahrtsarbeit; ja es fehlt, wenigstens in Jerusalem, an einer würdigen Gelegenheit, seine Toten zu begraben. Nichts ist furchtbarer als die Jerusalemer Chewrah Kadischah, die sich auch nicht, wie wohl sonst in allen Gemeinden der Welt, aas ehrenamtlich tätigen Männern oder Frauen zusammensetzt, sondern von bezahlten Kräften bedient, wird, gegen deren Persönlichkeit gewiss nichts gesagt werden soll, deren soziale Lage sie aber offenbar zu einer, in jedem Einzelfall immer wieder unerträglichen und auch durch die stereotype und in dieser Form nicht gerechtfertigte Berufung auf das Religionsgesetz nicht erträglicher werdenden Hast zwingt. Kein Wunder, dass immer weitere Kreise vom traditionellen Leben abgestossen werden, wenn e ne der ganz wenigen Gelegenheiten, deren religiöse Formung auch heute noch allen Volksschichten beinahe selbstverständlich ist, in einer so abstossenden Weise vorübergeht. Besser, aber nicht viel besser steht es mit anderen Gelegenheiten, die in Europa den religiösen Juden irgendeines Grades fester mit der Tradition zu verknüpfen pflegen. Alles Zeremoniale, mag es nun Hochzeit, Beschneidung, Pidjon Ha-Ben oder was immer sein, geht hier merkwürdig eindruckslos und flüchtig vorüber. Wir reden gewiss nicht der europäisch-assimilierten „Erbauung" das Wort und verkennen auch nicht, welche tieferen Gründe dieses stets in der hastigen Sorge um den kommenden Tag lebende Geschlecht äusserlich und innerlich daran hindern, ein Fest in Sammlung und Stille zu feiern, denen wir allerdings das Wort reden möchten — aber doch meinen wir, dass hier eine Aufgabe ist, die angepackt werden müsste. Um noch ein letztes Beispiel zu geben: vor wenigen Tagen fand, feierlich und öffentlich angekündigt, in der grossen Churwasynagoge, eine Feier statt, deren Gegenstand höchst anziehend war: der polnische Keren Hajessod hatte dem palästinensischen im Auftrage polnisch-jüdischer Fabrikarbeiter drei Thorarollen als Geschenk übermittelt, die nun feierlich den Vertretern dreier neuer jüdischer Siedlungen übergeben werden sollten. Wie aber verlief in Wahrheit diese Feier! Der nicht Behr grosse Raum war höchstens halb gefüllt, und zwar meistens von Neugierigen, die gerade vorbeigingen und hereinkamen; recht gering aber war die Zahl der Gäste, die wirklich um des Anlasses wegen gekommen waren. Die beiden, in den Einladungen angekündigten Oberrabbiner erschienen nichl selbst, sondern 'liessqn sich durch verlesene Glückwunschbriefe vertreten. Und dann folgte Rede auf Rede, gute und weniger gute, die meisten aber von jener unleidlichen nationalreligiösen Phraseologie erfüllt, die unbedenklich nach den höchsten Worten und Werten des Judentums greift und die nun einen Regen von .Heiligkeit" und „Thora" auf eine höchst fragwürdig zusammengesetzte Hörerschaft niedergehen Hess. Ein alter Jade, der inzwischen, still in seiner Ecke, sein Minchahgebet sprach, war vielleicht der einzige, der in dieser Stunde, deren Anlass zu so echter Feierlichkeit herausgefordert hätte, etwas von religiöser Wirklichkeit vernahm. Es bestehen Ansätze, diese Lage zu ändern, wie z. B. die Oneg Schabbat-Bewegung, aber sie gehen, un 1 dies ist das Betrübliche, in viel zu geringem Grade von den Kreisen des Misrachi aus. Keiner der misrachistischen Führer, sondern der Dichter Bialik war es bekanntlich, der diese Bewegung ins Leben rief; immerhin hat sie, und dies soll dankbar anerkannt werden, in Jerusalem durch Mitwirkung führender Misrachisten eine weitaus traditionellere Färbung erhalten als in Tel-Aviv. Auch die Schaffung moderner Synagogen, über deren heutiges Gesicht sich noch sehr streiten lässt, deren Notwendigkeit an sich aber ganz ausser Frage steht, geht zum Teil gerade von solchen frommen zionistischen Juden aus, die aus irgendwelchen Gründen glaubten, sich bisher dem Misrachi fernhalten zu sollen. (Fortsetzung folgt). Rabbiner Dr. Benjamin May b"±'< Ein echter, aufrechter Jude ist von uns gegangen, Rabbiner Dr. Benjamin May ist in Frankfurt a. Ii. nach langer Krankheit in der Blüte seiner Jahre verstorben! Nicht nur uns ist der Heimgang dieses Mannes ein schwerer Verlust. Er war einer jener vom jüdischen Gesetz erfüllten Männer, die ihre ganze Persönlichkeit in den Dienst der jüdischen Allgemeinheit stellen, denen Arbeit am Klall und in ihm Lebensaufgabe und aufrichtige Herzenssache ist. Ein Mann von grosser allgemeiner Bildung, vor allem von wahrer Herzensbildung, den man überall gerne mitarbeiten und Einfluss nehmen Hess, weil seine Mitarbeit selbstlos, seine Einflassnahme um der Sache willen erfolgte. Beruflich wirkte er als Religionslehrer an öffentlichen Schulen Frankfurts und es ist sein hohes bleibendes Verdienst, dass er seinen Schülern das Wissen, das er vermittelte, nicht nur stofflich, sondern auch gedanklich und inhaltlich näher brachte, dass er sie nicht nur als Lehrer fesselte, sondern ihnen innere Bindung zu dem von ihm Gelehrten gab. Die öffentlichen Tenach Schümm, die er jahrelang einer grossen Hörerschaft erteilte, machten ihm auch direkte jüdische Einflassnahme in den Kreisen Erwachsener möglich. Erst in seinen reiferen Jahren war May zum Zionismus gekommen, aber dann gab er sich auch ganz und wurde ein eifriger Mitarbeiter des Misrachi, dessen Frankfurter Ortsgruppe er mehrere Jahre lang als Vorsitzender hingebend diente. In den letzten Jahren widmete er sich mit besonderem Eifer den Interessen des Jüdischen Lehrgutes in Rodges. Die Aufgabe, traditionstreue junge Juden landwirtschaftlich vorzubilden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, mit eigenen Händen am Aufbau von Erez-Israel teilzunehmen, war ihm eine besonders heilige. Vor allem, was er in Rodges mit schaffen half, wird ihm ein dauerndes Andenken in unserem Kreise sichern, rvosan Verantwortlich für die Redaktion: Alexander Adler, Berlin N 24, Monbijouplatz 10. Verlag des „ZION": Alexander Adler, Monbijouplatz 10. Druck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, AugusUtr. 69.

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