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Zion · 1929-05-01 · 5 (5.1929) · p. Seite 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
5 (5.1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 60 (sequence 10)
Language
German
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Seite 60 Z I 0 N Nr. 5 eines Lehrerinnenseminars gewählt, um zugleich das Bedürfnis an gesetzestreuen Lehrerinnen befriedigen zu können. Von Interesse für unser Thema ist die mannigfaltige Zusammensetzung des Schülerinnenmaterials dieses Seminars. Es gibt wohl keinen palästinensischen Mädchentypus, der nicht hier vertreten ist. In das Seminar strömen Mädchen aus dem „alten Jischuw" neben solchen, die erst in den letzten Jahren aus dem Osten Europas eingewandert sind, Kinder der orientalischen Gemeinden und Kinder lang ansässiger Bauein ans den Kolonien. Und gerade die verschiedenartige Zusammensetzung des Schülerinnenmaterials schafft weite Einflusssphären. Eine Beschränkung auf Absolventinnen orthodoxer Volksschulen würde das Wirkungsfeld so begrenzen, dass die Gefahr der Schaffung einer neuen Scheidewand zwischen Lehre und Leben auftauchen wurde. Wie ich sagte, ist Arbeit und Leben an diesem Seminar ein Novnm, zumindest in Palästina, und ich knüpfe an meine Erfahrung aus unserem Leben im Seminar an, wenn ich die Wege zu zeichnen versuche, die meines Erachtens die religiöse Mädchen er Ziehung in Palästina einschlagen muss, wenn sie die verschütteten Beziehungen der Mädchen zum traditionellen Judentum wieder aufdecken will. Ich weiss wohl, dass viele der Probleme, die ich hier berühren werde, nicht der Mädchenerziehung spezifisch sind. Es ist klar, dass sie stärker oder schwächer ausgeprägt auch an die Knabenerzieher herantreten. Aber in der Mädchenerziehung tieten sie in diesem Umfang und in dieser Tiefe vielleicht zum ersten Mal in dieser eigenartigen Konstellation als jüdische Probleme in Palästina auf. Die Grundlage gemeinsamen Strebens, und mehr gemeinsamen Lebens, kann nur Vertrauen sein. An diesem Vertrauen fehlt es zuerst, wenn die Mädchen ins Seminar eintreten. Es sind nicht nur die Schwierigkeiten, die sich so leicht zwischen Lehrer und Schüler auftürmen — und diese nehmen in Palästina eine besondere bittere Form an durch die traurige Skepsis, die der Jugend in den engen, gedrückten Verhältnissen ihren Stempel aufdrückt —, es sind nicht nur die Gegensätze zwischen alter und neuer Generation, es ist eben das vollständig Neue, für den ersten Blick Fremdartige, das sich hier zu ereignen scheint: Eine Welt, die man zu kennen glaubte, und aus der man geflohen war, weil sie leer, eingeschlossen, altmodisch erschien, oder in der man geblieben war, aus mangelndem Blick in die Weite, aus Gewohnheit und bestenfalls aus Pietät, diese Welt soll wieder geöffnet und mit reichem Leben erfüllt, soll Heimat werden. Es ist erschütternd, dass dieBe Mädchen, die fast durchweg in traditionserfüllter Umgebung aufgewachsen sind, der Tradition oft ganz entfremdet gegenüber stehen, bis zu einem Grade, den man sich in orthodoxen Kreisen Europas nicht vorstellen wird. Es fehlen z. B. oft die elementarsten Kenntnisse der Kaschruthvorschriften und der Dine Schabbath. Aber es soll hier nicht auf die Gleichgültigkeit eingegangen werden, die im allgemeinen orthodoxe Eltern der religiösen Entwicklung ihrer Töchter gegenüber zeigen. Denn die Dinge liegen hier doch tiefer. Der Freiheitsdrang der Jugend hat wenig Verständnis iür die Festlegung eines Gefühlsausdruckes in Formen, und gar gegen die Uebernahme von Formen, die ihr nur zu oft der Form wegen auferlegt werden, lehnt sie sich auf. Die erste Entdeckung -- und es ist wirklich eine Entdeckung! —, die gemacht werden rnuss, ist die, dass die religiösen Formen einen Weg zur Verbindung mit dem Unendlichen weisen. Es ist — so paradox es auch klingt — für die Mädchen eine Ueberraschung, dass relig.öses L ben nicht mit der Erfüllung einer Form erschöpft ist, dass aus Gemeinschaftskräften und aus persönlichstem Reichtum in diese Form immer neues Leben hereinströmt. Langsam keimt die Erkenntnis auf, dass die Form Heiligkeitscharakter an sich tragen rnuss, die im Laufe von Jahrtausenden die Verbindung zwischen Gott und Mensch herstellen konnte, und dass diese Form die ihrem persönlichen Leben adäquate ist, weil sie die Form ist, in der jüdisches Religionserlebnis seinen Ausdruck fand und immer wieder findet Diese Dinge begeben sich langsam und unterirdisch, ohne bewusste Aktivität von Seiten der Erziehenden. Bewusste Uebertragung stört das Geheimnis seelischen Wachstums, sie widerspricht dem Persönlichkeitscharakter religiösen Eilebens. Der Unterricht überliefert Wissen, er sucht Wege des Verstehens anzubahnen, das andere ist Sache des persönlichen Ergreifens und gemeinsamen Lebens. Das Bejahen der religiösen Form aus dem Erlebnis heraus, hat keine Verpflichtung*kraft in sich. Es besteht die Gefahr einer willkürlichen Auswahl, wenn nur das Erlebte und nur, solange es noch als Erlebnis wirkt, bej aht wird, und mit der Freiheit der Auswahl zerfällt der organische Zusammenhang des Gesetzes. Eine an die Grundlagen der jüdischen Tradition selbst rührende Frage ist die nach der Aner Der Schekel in Deiner Hand Stärkt jüdischen Geist in jüdischem Land!

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