Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (5.1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 58 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 58 Z I 0 N tfr. 5 Zwei Dinge werden in dieser Definition des jüdischen Geistes ausgesprochen: 1. Die natürliche Entwicklung wird das Leben des Volkes in die richtige Bahn lenken und die Lebensformen schaffen. 2. Der jüdische Geist ist nicht der Geist der Religion schlechthin, sondern der sich auf allen Gebieten offenbarende geistige Prozess. III. Der Begriff der „natürlichen Entwicklung der Nation" bedarf einer näheren Erläuterung. Achad Haam sieht in der Nation ein geistiges Ich, das sich aus den Individuen zusammensetzt, deren jedes die Summe der vorangehenden Generationen bildet, so dass eine gradlinige, natürliche Entwicklung das Leben einer Nation bestimmt. Hier wäre es vielleicht in der Ordnung gewesen, auf die natürliche Entwicklung des jüdischen Volkes, auf seine Tradition hinzuweisen, die durch die Assimilation jäh unterbrochen ist und wieder der Anknüpfung bedarf. Denn unnatürlich ist es, wenn die dem jüdischen Volke durch Jahrtausende anerzogene und eingeborene, also natürliche traditionelle Entwicklung, die durch Unverstand einer längst überwundenen Epoche gesprengt wurde, durch eine von aussen her eingeführte Lebensform verdrängt werden sollte. Doch Achad Haam erkennt nicht die Unbedingtheit der traditionellen Bindung für eine vom jüdischen Geiste getragene jüdische Kultur an. Er fühlt den Konflikt zwischen dem Traditionellen und dem Modernen, und er weiss keinen anderen Weg als den, dass beide Richtungen ihre Ausprägung verlangen dürfen, insofern beide den Gedanken der nationalen Wiedergeburt in seinem neuen Sinne zur Grundlage der Erziehung machen. „Aul diesem Fundament mag jede ihren Bau selbst nach ihrer Weise weiterführen und nach ihrem Willen ohne fremde Einmischung darin schalten und walten". Eine solche Lösung der kulturellen Frage kann die nicht befriedigen, die die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes darin erblicken, dass dort, wo der Faden des historischen Judentums zerschnitten ward, angeknüpft wird, um die jüdische Geschichte wieder auf der Tradition des für jüdische Kultur allein massgebenden Thoragesetzes weiter fortzuführen. Ein Erez Israel ohne den Begriff des Heiligen Landes bedeutet für uns nur eine zu überwindende Vorstufe; ein Autbau Palästinas ohne Gestaltung des Lebens im Sinne des Thoragesetzes, ohne eine innere j ü - d i s c h'-Xe 1 i[g]i ö s e Erneuerung, ist ein logischer und historischer Widerspruch. Wohl hat Achad Haam recht, wenn er sagt, man könne die Entwicklung leugnen, aber nicht verhindern. Das Leben eines Volkes unterliegt der ständigen Fortentwicklung. Auch das religiöse Bewusstsein und die sittliche Ueberzeugung eines Volkes ist dem Wandel und der Entwicklung unterworfen, wie wir das am besten bei der Todesstrafe sehen, die in verschiedenen Zeiten verschieden beurteilt würde. (Die zahlreichen Bedingungen im talmudischen Strafrecht, die die Todesstrafe in der Praxis fast unmöglich machten). Diese, dem Wandel und der Entwicklung unterworfene, sittliche und religiöse Ueberzeugung erhält dennoch ihre objektive Gültigkeit durch die prinzipielle Anerkennung des Thoragesetzes. Unzweifelhaft war das religiöse Bewusstsein eines Maimonides anders als das so manches Tannaiten oder Amoräers. Aber in allem Wandel der Zeiten und des menschlichen Denkens blieb im Judentum das Gesetz das konstante Element, das in jeder Zeit durch neue Deutung den Ausgleich mit dem fliessenden Leben schuf. Es bedeutet die Gestaltung des Lebens im Geiste der Lehre, oder wie es S. R. Hirsch einmal formuliert hat: „Erziehung, Erhebung der Zeit zur Tauroh, nicht aber Nivellierung der Thauroh nach der Zeit" IV. Das konsequente Prinzip der Entwicklung, der man alles überlassen soll, ist eine Schwäche der Achad Haamschen I deologie. Man kann im Leben nicht mit der Evolution allein auskommen, da es bisweilen schnelleres, impulsiveres Handeln erfordert. Die Schöpfungen genialer Menschen, z. B. der Propheten, widersprechen geradezu dem Prinzip der Entwicklung und sind nur durch eine plötzliche innere Revolution zu verstehen. Die Propheten kämpfen gegen die natürliche Entwicklung und wollen die Wirklichkeit durch eine plötzliche Umwandlung im Sinne der Idee umgestalten. Es ist in manchen Fällen der Entscheidung eine Sünde, auf den natürlichen Lauf der Entwicklung zu warten, bis ihre Zeit herbeigeführt sein wird oder — vielleicht auch nicht. Gerade die Erneuerung des Judentums auf geheiligtem Väterboden erfordert die freie, schöpferische, revolutionierende Kraft von Menschen, die im Sinne des Chaluztums gewillt sind, nötigenfalls auch gegen die „natürliche" Entwicklung, wenn sie ungesund ist, anzukämpfen. Die Definition des Volksgeistes, der nach Achad Haam nicht der Geist der Religion schlechthin ist, ^"H Keiner mehr, keiner weniger — jeder einen Schekel!