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Zion · 1929-04-01 · 4 (4.1929) · p. Seite 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zion
Volume
1 (1929)
Issue
4 (4.1929)
Date
1929-04-01
Page
Seite 49 (sequence 11)
Language
German
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Hr. 4 Z I Ö N Seite 49 heute von der Erbschaft des Wilnaer Gaon nnd des Baalschem und ihrer Jünger. Daraas erklärt sich die Instinktlosigkeit der Orthodoxie in den wichtigsten Fragen der Gegenwart (z. B. Hebräisch als Umgangssprache, Beruf8umschichtting usw.) und ihre geringe aktive Beteiligung am Aufbauwerk in Palästina. Nun können wir an diesem Tatbestande wenig ändern, es heisst ausharren und auf die Zukunft vertrauen. Immerhin können wir Bedingungen schaffen und dem göttlichen Geiste den Weg bereiten. Der zweite Grund liegt in der starken Zersplitterung der Gesetzestreuen und der daraus sich ergebenden gegenseitigen Befehdung gerade dieser Kreise. Diese Spaltung bat ihre sehr verschiedenen historischen Quellen. Der Kampf der Cbassidim und Misnagdim, die Austrittsbewegung in Deutschland und Ungarn, und der ewige Streit um Synthese von Thora und weltliche Bildung. An Versuchen zur Schaffung einer gemeinsamen Plattform hat es nicht gefehlt, jedoch sind diese bis heute noch nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Der Grund liegt wohl in den kulturellen Verschiedenheiten, die zu gross sind, als dass sie sich rein organisatorisch überbauen liessen. Der aussichtsreichste Versuch war die Gründung der Agudah kurz vor dem Kriege. Sein Scheitern fällt auf das üchuldkonto derjenigen orthodoxen Führer, die glaubten, um das nationale Bekenntnis herumzukommen nnd damit, nach einem Wort Raw Klatzkins, Wasser auf die Mühlen der radikalen Zioniaten gegossen haben. Wie dem auch sei, an eine p or.l i t i s c h e Einigung der Gesamtorthodoxie ist bis auf Weiteres nicht zu denken. Im Gegenteil. Wie die neueste Entwicklung in »"« zeigt, geht die Spaltung weiter. Die Gefahren dieser Entwicklung sind gross genug. Der eine Teil der Orthodoxie schliesst sich ab und begibt sich damit jeglichen religiösen und politischen Einflusses auf die andersgesinnten Kreise. Die zweite Gruppe, die hauptsächlich im Misrachi organisiert ist, wird quantitativ geschwächt, und da es ihr, wie der heutigen Orthodoxie überhaupt.an einer den Massen verständlichen Ideologie mangelt, ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass sie einem gewissen Einflass der dem Gesetz mehr oder minder entfremdeten Kreise unterliegt. Das zeigt sich heute schon in ihrer Einstellung zu religiöspolitischen Grenzfragen, wie Frauenwahlrecht, Austritt nsw. (damit soll die gefällte Entscheidung nicht kritisiert werden). Wenn wir so die Unmöglichkeit der Ueberbrückung der geistigen Gegensätze auf politischem Wege erkannt haben, bleibt uns nur noch der umgekehrte Versuch übrig, d. h. die politische Einigung nicht vorwegzunehmen, sondern sie durch Schaffung einer geistigen Zusammenarbeit vorzubereiten. Die berufenen Männer für diese Aufgabe sind die religiösen Führer. Es müsste eine Versammlung aller anerkannten Thoragrössen einberufen werden. Zweck dieser Versammlung sei die Bearbeitung aktueller Fragen des gesetzestreuen Judentums. Diese Fragen sind ausserordentlich zahlreich. Nur einige Beispiele aus dem palästinensischen Leben. Mit der Vermehrung des Jischuw in nach dem Kriege wurde die Schaffang schnell arbeitender Zivilgerichte notwendig, da die Juden sich ungern an die Regierungsbehörden wandten. Es wurden die sog. „Mischpateh Haschalom" (Friedensgerichte) geschaffen, die besonders von Arbeiterkreisen in Anspruch genommen wurden. Es ist klar, dass diese Laienrichterkollegien sich nicht nach dem. traditionellen jüdischen Recht richteten. Dann eben gab es (und gibt es) natürlich religiöse Bathe- Dinim, die aber so unglaublich langsam arbeiten, dass sie auch von]religiö3en Kreisen nur im Notfalle benutzt werden. Es wurde einmal der Vorschlag gemacht, den Mischpathe Haschalom ähnliche Richterkollegien aus Laien und Rabbinen zu bilden, er ist aber bis jetzt unbeachtet geblieben. Die Wirkung der Mischpathe Haschalom, ohne dass diese es beabsichtigen ist heute natürlich die, dass die Thora als bestimmender Faktor im Leben des Volkes immer mehr ausgeschaltet wird. — Ein anderes Beispiel Es ist uns verboten, verschiedene Obstarten aufeinander zu pfropfen. Es gibtaber Ausnahmen, wenn nämlich die Arten so nahe verwandt sind, dass sie halachisch als eine Art betrachtet werden können. Nun gibt es in dem heute schon so wichtigen Orangenbau unter den vielen frommen Juden, die sich damit befassen, fast keinen, der sich um dieses Verbot kümmerte. Er könnte fs auch garnicht, weil die Halacha in Bezug auf Orangenbäume noch gar nicht geklärt ist. — Als letztes Beispiel wähle ich die Frage des Erbscbaftsrechtes der Frau. Es wiederspricht unserem heutigen Rechtsempfinden, und auch der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellung der heutigen Frau, dass nur die männlichen Nachkommen erben, während die Töchter auf die Gnade der Eltern und Brüder angewiesen sind. Die Schwierigkeiten einer Aenderung dieses Zustandes sind nicht unüberwindlich, da die Macht der Rabbanim in zivilrechtlichen Fragen ja sehr weitgehend ist und schon einige östliche Rabbanim beispielgebend vorangegangen sind. Die hiesigen Rabbinate haben aber offenbar nicht die Ma^ht und das Ansehen, um solche einschneidenden Entscheidungen zu fällen. Mit derartigen Fragen, deren es, wie bereits gesagt, eine Menge gibt, hätte sich die vorgeschlagene Versammlung zu befassen, und es ist durchaus anzunehmen, dass nicht nur die palästinensische, sondern die gesamte Orthodoxie, am Gelingen einer solchen Versammlung interessiert sein würde. Freilich gibt es auch viele Fragen, bei deren Beantwortung die politische Stellungnahme vou Ein Auas se n kana. Indessen dürfte die Zahl solcher Fragen weit geringer sein, als es nach dem Programm und den Erklärungen der politischen Führer erscheint. Und übrigens könnte man zunächst solche Fragen beiseitestellen. Es bliebe noch immer ein genügend fruchtbares Arbeitsfeld übrig. Die Vorbereitungen zu dieser Versammlung müssten in grosszügiger Weise geschehen. Da der Zweck der Versammlung kein propagandistischer, sondern

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