Zion
- Journal
- Zion
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (4.1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 44 ZION Nr. 4 1. Erez-Israel steht nicht vor der Gefahr, von religionsfeindlichen, radikalen Elementen in irgendeiner Weise ernstlich beeinflusst zu werden, im Gegenteil, es beeinflusst seine Einwohner, sich einheitlich auch in Bezug auf seine religiösen Institutionen zusammenzuschliessen. 2. Die Masse der Orthodoxie verweigert den Fahrern und Drahtziehern der Agudas Jisroel die Gefolgschaft in dem Moment, wo es klar wird, dass die Agudah das Interesse der Allgemeinheit zu Gunsten ihres Parteistandpunktes preisgibt. Dieses doppelte Ergebnis des Zusammenlebens jadischer Menschen sollte uns zu denken geben, uns als Misrachisten, die wir gemeinsam mit Zionisten anderer Anschauungsweise am Aufbau von Erez- Israel arbeiten, aber besonders auch uns als im orthodoxen Interessenkreis stehende Juden. Vielleicht kommt auch hier einmal die Stunde, in der die Orthodoxie erkennt, dass Vereinigung und nicht Trennung das Gebot der Stunde ist. Pessach-Gedanken. Von Rabbiner Dr. Nehemias Anton Nobel, Köln. Vorbemerkung der Redaktion: In nachfolgendem .bringen wir einen Aufsatz, den unser verstorbener Führer im Jahre 1899 in der Jüdischen Presse geschrieben hat, da wir auch heute noch in unseren Leserkreisen Interesse für die Gedankengänge Nobels voraussetzen. Als Aquilas, dem Drange seines Herzens folgend, der Nacht des Heidentums entsagt hatte, um dem göttlichen Morgen des jüdischen Gottesglaubens zuzujubeln, da, so erzahlt der Talmud, habe ihn der staunende Hadrian gefragt: „Ist es wahr, dass diese Welt auf dem Geiste sich aufbaut?" Es ist gleichgiltig, ob der Talmud hiermit historische Wahrheit oder nur gedankenvolle und gemütstiefe Legende überliefern wollte. Neben der tiefen Ehrfurcht vor dem wirklich Geschehenen, geht die Ehrfurcht vor dem Gedachten, vordem, was nur im Leben der Seele wurzelt, und an den ewigen Bedürfnissen des Gemütes sich emporrankt „Ist es wahr, dass die Welt sich auf dem Geiste aufbaut?" — mit dieser Frage also meint der Talmud das Wesen des Judentums zu treffen. Das ist die Frage, die das Judentum tausendfach bejahen lehrt. Eine jubelnde Bejahung des Geistes und seiner Herrschaft — das ist das Judentum; „alles andere ist Erklärung; gehe hin und lerne". Die höchsten Formeln können ihren wahren Wert erst gewinnen, wenn sie letzte Formeln sind, der gedrängte Ausdruck tür Ergebnisse tiefen Nachdenkens, die Abbreviatur ganzer Gedankenreihen. Dann hören sie auf Formeln zu sein. Ihre Leblosigkeit weicht dem frischen Leben. Bis dahin können sie uns nur als Gesichtspunkte dienen, anter denen das Judentum betrachtet werden will von allen, die die Hillel'sche Mahnung befolgen: Gehe hin und lerne! Gehe hin und lerne! Betrachte das Leben des jüdischen Volkes in seinen intimsten Aeusserungen. Es naht die Nacht der Befreiung und lässt die Sterne heiliger Erinnerung erstrahlen in der Hütte des Juden. Seid gegrüsst Ihr freundlichen Sterne! Lasset Euer mildes Licht dem Bruder scheinen, der Wärme sacht für sein erkaltetes Herzl Und zieht der Mond herüber, dann lebt die ägyptische Erlösungsnacht in ihrer unvergleichlichen Herrlichkeit auf. „Der Mond sei Euer" — nach ihm bestimmet die Feste des Ewigen! Vieles und Grosses hat uns dies ennn oaS nin zu künden! Dem Einen sagt es, dass Nissan gleich Nizzan sei, dem Blütenmonat, und ich hörte ihn in stiller Andacht die herrliche Frühlingsschilderung aus dem Liede der Lieder wiederholen: yotra nnn ^pi jwn n^otn np pua wia o»asan «Die Blümlein werden sichtbar im Lande, die Zeit des Sanges ist gekommen, und die Stimme der Turtel wird vernommen in unserem Lande." Mancher Blütentraum ist nicht gereift, der in der Befreiungsracht das jugendliche Herz erschauern machte. Und lasset uns von der Jugend unseres Volkes reden, die in prangender Schönheit und kraftvoller Urwüchsigkeit einst dieser Nacht entstieg, um fortan als D^ip oy, als Volk der Ewigkeit, in die Geschichte einzutret-n. Lasset uns seiner Freuden gedenken, da es, ein freies Volk, von dem neidischen Hasse der Nachbarn umwogt, hinaufzog zur Gottesstadt, nach Zion, um in Gebet und Opfer seinem Gotte zu dienen und einen Funken von Moriah's lodernden Altarbränden heimzutragen in die Niederungen des Alltagslebens, da die Quelle des Gesetzes noch lebendig fioss in ihrer Mitte, nicht tausend Zweifel und Meinungsverschiedenheiten das Herz des Gläubigen bedrückten, da der Geist dieses Gesetzes lebte und zusammen mit der mündlichen Lehre vom Vater auf den Sohn überliefert wurde als das ideale Bindeglied der Geschlechter, das in die grosse Vergangenheit zurückführte, in die grosse, hoffnungsvolle Zukunft hinübertrug. „Heil dem Auge, das dieses sah; beim Klange seiner Kunde erbebet unsere Seele". Lasset uns seiner Leiden gedenken, die mit ägyptischer Grausamkeit seine Feinde ihm bereiteten, als seine nationale Selbständigkeit zerschmettert ward, ein Flammenmeer seine Heiligtümer verzehrte! Da erfüllten sich die Verheissungen der Lehre. Und das verblendete Volk warf von sich die fremden Götzen und lernte glauben an den Ewigen und an seinen Knecht Moscheh. In bitterer Reue, in heiligem Schmerze verliess es das Land seiner Väter, sog nochmals ein den Balsam seiner Lüfte, liebkoste die stummen Steine und gelobte ewige Treue und ewiges Gedenken. Lasset uns in dieser Nacht auch der Leiden gedenken, die der Kreuzfahrer irregeleitete, wahnwitzige Menge, von dem Gedanken an Jerusalem erfüllt,. auf dem Kriegszug nach der heiligen Stadt begriffen, unserem Volke bereitete! Seine Jünglinge und Greise, seine Männer und Franen hatten eben ihren heiligen Sehn-