Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1869
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1869-01-01
- Page
- – (sequence 198)
- Language
- German
- Belongs to
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— 200 - Interesse der Menschlichkeit ein dankbares Angedenken bewahren wird, die Wiederaufnahme der Juden bewirkte. Die Gründe, warum man schließlich die Juden wieder nach Prag kommen ließ, lagen zunächst in der alten Fabel des Menenius Agrippa von den Gliedern des Leibes, die mit dem Magen haderten. Man fand es endlich heraus, daß die Juden, selbst wenn sie blos der eonsumirende Theil wären, nichtsdestoweniger der Stadt und dem Lande großen Nutzen gewährten. Diesem Argument gegenüber konnte man sich zu einer Zeit, wo man infolge des Kriegs des Geldes so sehr bedurfte, zuletzt nicht ganz verschließen. Die Juden waren aber nicht blos der eonsumirende Theil der Bevölkerung, sie waren auch productiv. Sie haben durch ihren Handel mannichfach genützt; sie leiteten den Geldstrom vom Auslande nach dem Kaiserstaat. Sie legten Fabriken an und beschäftigen viele Arbeiter und hoben dadurch die Industrie. Man mußte nicht blos mit Blindheit, sondern auch mit Blödheit geschlagen sein, um nicht zur Einsicht zu gelangen, daß man durch diese Ausweisung nicht blos die Juden aufs härteste schädige, sondern sich selbst ins Fleisch schneide. Es gehört heute keine besondere wissenschaftliche Begabung dazu, um derartige Mißgriffe sofort zu erkennen. Heute wird niemand daran denken, das Kapital und die Arbeitskraft aus dem Lande zu schaffen und zu vertreiben. Worüber man sich wundern muß, ist, daß man vor einem Jahrhundert noch durch bittere Erfahrungen erst darüber belehrt werden mußte. Doch der Haß ist ebenso blind wie die Liebe, und der Religionsfanatismus hat der Welt mehr Unheil gebracht, als der wahre Glaube Seligkeit und Zufriedenheit verbreitet hat. Wir glaubten schon jetzt diese Bemerkungen machen zu sollen, obschon wir noch nicht von einer erfreulichen Wendung der Verhältnisse zu berichten haben. Die Zustände wurden sogar von Tag zu Tag mehr unerträglich und drängten zur Entscheidung.