Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1862
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 250)
- Language
- German
- Belongs to
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254 die größte Unordnung, und Furcht vor der Regierung kennen sie gar nicht. Ihre Rechtssprüche sind nicht klar, und sie können einen Prozeß deuten, wie sie wollen. Es hat sich hier in Jerusalem Zugetragen, daß ein Araber seine Mutter geradezu wie ein Lamm abgeschlachtet; als nun die Sache vor die Richter kam, so schützte er seine Betrunkenheit vor, und die Schuld wurde dann den Juden und Christen, die nur einzig und allein Wein hier gebrauchen, zur Last gelegt; von den Juden mußte jeder sechs und vonden Christen jeder zwölf Goldstücke erlegen, und der Araber wurde freigesprochen; dergleichen Fälle giebt es unzählige, die sich nicht niederschreiben lassen. Falsche Zeugen sindet man hier mit Leichtigkeit unter allen Nationalitäten, denn den Landesgesetzen gemäß werden diese nicht strenge verhört, vielweniger beschworen, sondern das Urtheil wird auf ihrer Aussage sogleich gefällt; wenn in den christlichen Ländern solche Einrichtungen wären, so würde Einer den Andern lebendig verschlingen. Jerusalem, trotzdem es zerstört wurde, hat vier sehr schöne lange Marktplätze, so wie ich dergleichen noch nicht gesehen habe; sie befinden sich am Fuße des Zion. Alle sind mit kuppelartigen Dächern versehen, und man findet hier allerlei Waaren; sie sind nämlich in verschiedene Abtheilungen getheilt, als der Waaren-, der Gewürz-, der Gemüsemarkt, und der, wo andere Gerüchte und Brod verkauft werden. Als ich nach Jerusalem kam, war eine schreckliche' Hungersnoth im.Lande; ein nicht sehr starker Mann konnte zu jeder Mahlzeit Brod um ein Drachme, welches nach unserem Gelde einen Bolognino alten Geldes in Silber macht, verzehren, und war dabei nicht sehr satt; man sagt mir, daß die .Hungersnoth im Verhältnisie zum Anfange dieses Jahres nicht mehr so stark ist. Viele der Juden sind Hungers gestorben , wo man sie ein oder zwei Tage vorher Brod verlangen sah und Niemand es ihnen geben konnte; man fand die Leute, todt in ihren Häusern, und viele nährten sich von Gräsern, wo sie wie die Hirsche ausgingen, um Weide zu suchen. Es ist jetzt nur ein einziger aschkenasischer Rabbi vorhanden, der in Jerusalem in Demuth und Gottes-' furcht erzogen wurde; ich habe seines Gleichen nicht gesehen. Er