Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1862
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3138070-3138075-3138076--0649-3138739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
84 entkräften, doch ergießt sie sich in Klagen an den Freund über die feige und nichtswürdige Zumuthung, daß sie von den Brudern sich trennen könne, zumal diese noch so allgemeiner Bedrückung ausgesetzt wären. Er tröstet sie unter andern in einem Briefe zu Anfang des Jahres 1622 mit den Worten: „Sie melden mir, daß man Sie verleunlde, nun hat man nicht auch die Sterne verleumdet, indem man sagte: sie seien nichts als Nebelflecken am Himmel und dennoch sehen wir sie immer da droben in gleichem Glänze funkeln." Sara hatte sich kaum über diese unangenehmen Verhältnisse, die sie so schmerzlich berührt hatten, hinweggesetzt, als sie von einer noch bei Weitem gefährlicheren Anklage bedroht wurde, eine Anklage, in deren Hintergründe das schreckliche Gericht der drei Staats-Inquisitoren drohend lauerte. Jene schreckliche Behörde, die ihre gräßliche Thätigkeit vom Jahre 1454 bis 1794, bis Bonaparte den venetianisch.en Staat vernichtete, unausgesetzt ausübte, hat durch unzählige Grausamkeiten und Morde unsäglichen Jammer über die Republik gebracht; was sie auch that, blieb in dunkler Nacht verborgen, selbst die nächsten Anverwandten der Gemordeten und Verhafteten wagten nicht nach den Ihrigen aus Furcht vor dieser unheilvollen Behörde zu fragen. Den Klauen dieses Gerichtes sollte das schutzlose Mädchen überantwortet werden, als ein sonst obscurer Autor eine Schrift in Venedig veröffentlichte, in welcher er die Anklage aussprach: Sara glaube nicht an die Unsterblichkeit der Seele. Jener Nichtswürdige hieß Baldaffar Bonifacio 14), der zu den Bekannten des Mädchens gehörte und oft Zeuge ihrer beredten Vertheidigung des Judenthums und seiner Lehren war, wenn Proselytenmacherei ihren Eifer herausforderten. Sei es nun, daß das Streben sich einen Namen zu machen, wozu er sonst nicht die Mittel besaß, oder sei es verletzte Eitelkeit, daß Sara ihn zu wenig beachtet haben mochte, ihn zu diesem Schritte bewog, genug er war hinreichend, die gefährlichsten Folgen für unsere Heldin herbeizuführen. Noch ehe aber seine verleumderische Schrift Wurzel in den Gemüthern fassen konnte, raffte Sara alle ihre Kräfte zusammen — denn