Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1862
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1862-01-01
- Page
- – (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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75 war mit der Literatur der in diesen Sprachen verfaßten Schriften wohl vertraut. Daß die italienische Literatur ihr bekannt war, kann man wohl von vornherein voraussetzen. Ihrer reichen Phantasie vermochte sie den poetischen Ausdruck zu geben in Liedern und Sonetten und die Sprache des Herzens und des Gefühls, die Musik, verstand sie meisterhaft. Einem solchen vorttefflichen Geiste entsprach auch der Spiegel der Seele aufs Vollkommenste; Sara war von ausgezeichnetster Schönheit und diese im Verein mit ihrem Geistesreichthum, erklären es hinlänglich, daß sie, zur Jungftau herangereift, den Mittelpunkt eines Kreises geehrter und gelehrter Männer wurde, unter denen auch stolze Pattizier Venedigs, wie ein Baffadonna, nicht fehlten. Bei allen ihren glänzenden Eigenschaften aber besaß sie die lauterste Liebe und die tteueste Anhänglichkeit am väterlichen Glauben, von dem keine Verlockung, wie wir solche noch kennen lernen; werden, sie abführen konnte. In welcher hohen Achtung die eben erblühte Jungftau stand, geht schon daraus hervor, daß der früher erwähnte Rabbiner Venedigs, Leon da Modena, ihr das von ihm herausgegebene Drama Salomo Usque's, Esther, (1619) widmete. Aber ein Epos desselben Namens sollte noch verhängnißvoll für unsere Dichterin werden. Kurz vor dem Erscheinen des Dramas Esther, hatte der Dichter Ansaldo Ceb.a, geboren 1565 zu Genua ein Epos, Esther, geschrieben, das nicht ohne poetischen Schwung war, doch auch an gemachter Künstelei und Ueberladung, Eigenschaften des verderbten Geschmackes seiner Zeit, litt. Er war von Haus aus für den Staatsdienst bestimmt, doch als er auf dem schlüpfrigen Boden der Diplomatie durch größere Aufrichtigkeit, als seine Nebenbuhler gestrauchelt war, vertauschte er die polittsche Carriere mit dem Priesterkleide und lebte in stiller Zurückgezogenheit der Wissenschaft und der Dichtkunst^). Diese letztere hatte bereits Ansaldo einen ziemlichen Ruf verschafft, als er mit dem gedachten Epos, Esther, hervorttat. Hatte man früher den Stoff für Heldengedichte dem griechischen und römischen Alterthume entnommen, so wandte man sich um diese Zeit, da jener übermäßig ausgebeutet