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Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums · 1862-01-01 · Heft 1 · page 72

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Journal
Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
Volume
1862
Issue
Heft 1
Date
1862-01-01
Page
– (sequence 72)
Language
German
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72 deres Wzeichen wie ftüher, rothe Hüte, tragen sollten. Doch wurden diese Gesetze bei dem zeitweilig blühenden Wohlstände der Stadt und bei dem Reichthum und der hohen Bildung der Juden nicht sehr genau beachtet; das Ghetto selbst an den Lagunen gelegen, war ein sehr gesunder Aufenthalt und da es für die zahlreichen Juden nicht ausreichte, so gewährte man ihnen auch wohl die Gnade, gegen doppelten Miethzins in der Stadt selbst zu wohnen. Das sprechendste Zeugniß von ihrem blühenden Zustande in jener Zeit giebt ihr rüstiges Treiben in Künsten und Wissenschaften. Schon in ftüheren Zeiten waren die Schulen der Juden in Venedig der Sitz nicht blos für biblische und talmudische Studien, sondern auch die Kenntnisse der Landessprache und Literatur fand eifrige Pflege. Den herrlichen Schöpfungen eines Dante, Petrarca, Boccacio und Guido verschlossen auch die Juden nicht ihr Ohr und ihre Poesien haben einen nicht geringen Einfluß auf die poetischen Erzeugnisse der Juden des. 14. und 15. Jahrhunderts geübt. Aber auch die Schwestern der Dichtkunst: Musik, und Gesang fanden so liebevolle Beachtung, daß die Jugend Venedigs vom hohen Adel bis zu den geringeren Classen zu den Schulen der Juden hinströmten und sich lebhaft an dem Unterricht in diesen Zweigen betheiligten» Das schien doch dem hohen Rath und der Geistlichkeit zu gefährlich zu werden, denn wo Apollo die Leier rührt, da ist Amor auch nicht fem. In der That hegte man die Besorgniß, daß das Judenthum durch die schönen Künste leicht verführen und Proselyten machen könnte, und indem man auf ein altes Strafgesetzbuch von 1443 zurückging, verbot man den Juden bei Gefängnißstrafe und Geldbuße von 400 Dukaten Gesang und Musik in ihren Schulen zu betreiben. Außerdem wurden die Gesetze über die Verführung einer Christin durch einen Juden sehr verschärft, während der Christ, der eine Jüdin verführte, frei ausging, und man ihn höchstens seinen Gewiflensmahnungen überließ. Dem wissenschaftlichen Eifer der italienischen Juden gab noch die häufige Einwanderung spanischer und portugiesischer Glaubensgenossen, die von dem heimathlichen Boden gewaltsam vertrieben

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