Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1861
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 254)
- Language
- German
- Belongs to
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236 durch sein ganzes Leben schlingen, und wie er bei solcher abschreckenden Erscheinung der Menschen sich noch Liebe und Neigung zu dem Menschen erhält, fürwahr! eine solche Tiefe des Gemüthes, eine solche Kraft des Blickes in die disharmonirenden Verhältnisse des Menschen in der Gesellschaft und im Urbilde des adamitischen Geschlechts, erhebt uns, und deutet aus eine Göttlichkeit im menschlichen Geiste! — Es ist jedoch nun noch übrig, die letzten Lebensjahre Spinozas von einem bestimmten Gefichtspunkte aus zu betrachten, und daraus wird uns am besten hinführen, Spinoza auf seiner schriftstellerischen Laufbahn, inwieweit diese mit seinem Charakter in Bezug steht, zu beobachten. Spinoza mutz fich bewußt gewesen sein, daß sein Zeitalter nicht das war, in welchem sich eine reine Philosophie als solche geltend machen konnte. Hatte doch schon die Descartische Philosophie nur auf die Physik einige reingehaltene Wirkung gehabt, und war in anderer Hinsicht nur ein scholastischer Streitapfel der Theologen geworden, und gerade auf die Physik konnte Spinoza's im Meisten ethische Denkweise sich nichts zu wirken versprechen. Und wie anders, als aus diesem Bewußtsein heraus, können wir uns erklären, was wir gesehen, daß Spinoza sich gar nicht zum Schriftstellerwerden drängte, daß er nur auf die eindringlichsten Bitten seiner Freunde die Descartischen Principien herausgeben ließ, daß viele Jahre Oldenburg vergeblich sein Bitten wiederholte, Spinoza möge doch über verschiedene Gegenstände seine Gedanken veröffentlichen, und daß das Meiste, ja das Vorzüglichste seiner Schriften, ohne welches Spinoza kaum eine bedeutende Stelle eingenommen in der Geschichte der Philosophie, erst nach seinem Tode erschien durch die vermittelnde Hand Ludwig Meyer's. Wie nun? Niemandem, der uns bisher aufmerksam gefolgt ist, wird wohl der Gedanke einkommen, er habe aus persönlichen Rücksichten die Herausgabe von Schriften verschmäht: hat er doch, um oft Erwähntes zu verschweigen, die glänzen-