Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1861
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 253)
- Language
- German
- Belongs to
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235 fortan ein Grundzug seines Charakters blieb, und die in seinem körperlichen Leiden Nahrung fand, war er sanft und zurückhaltend, nicht stürmisch , nicht heftig, da er doch so fest in seinem Willen war. Wie freudig überrascht es uns doch, wenn wir, sorgfältig in die Tiefen eines großen Menschencharakters hinabsteigend^ und mit Hülfe analoger Zustände, wie sie durch unsre eigene Brust bald in kürzeren, bald in längeren Momenten gezogen, die Dunkelheiten eines solchen hohen Innern zu erhellen hoffend, finden, daß sie gerade das, was die Menschen ihnen am meisten verweigert, am meisten den Menschen spendeten. Jene Intoleranz, mit der fast alle seine Zeitgenossen Spinoza behandelten, ihn verlästerten, verfolgten, in seiner besten Wirksamkeit störten, vergalt er mit nicht erheuchelter Toleranz, mit der wärmsten Leutseligkeit gegen Jeden , der sich ihm zu nähern suchte, wovon dem Leser Beweise unten einige Briefe geben werden. Nicht kränklich empfindelnd, nicht schwach erscheint er uns, und daß er um die Freundschaft Jemandes nachgesucht und gebuhlt habe, darüber kann Niemand ein Dokument ausweisen: aber keine Misanthropie verdunkelte ihm eine bessre Ansicht vom Menschen: er war nicht zerrissen in sich? nicht zerfallen mit den Menschen, sondern nur einsam , weil man ihn alleingelassen, und weil er sich nicht verleugnen konnte, der Gewöhnlichkeit und Gemeinheit, der Gesellschaft halber, nachzulaufen. Ist doch in den Augenblick seines Sterbens sinnlich das ganze Bild seines Lebens zusammengedrängt: hier liegt seine sterbliche Hülle, den letzten Athemzug stößt er aus, von Niemandem mit Thränen der Liebe begleitet, sein letzter Blick trifft den einzigen Freund, den er der Kunst halber zu Rathe gezogen, wie er nach einem Dukaten und einem silbernen Messer des Verbleichenden greift, und mit dieser kärglichen Beute davon eilt: und die einzigen guten Leutchen, die sich freundlich um den Leidenden gekümmert, von einer Andachtsübung fern gehalten! Und wie sich dergleichen Verhältnisse