Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Journal
- Jahrbuch für die Geschichte der Juden und des Judenthums
- Volume
- 1861
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1861-01-01
- Page
- – (sequence 223)
- Language
- German
- Belongs to
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205 des reifenden Jünglings in Kampf traten mit dem Bewußtwerden der talmudischen Exegese, ward sein entwickeltes Streben nach wahrhaftem Aufschluß wieder auf den Text zurückgeführt, den er von neuem unabhängig studirte, alsdann mit dem Talmud verglich, und^ seine eigenen Gedanken auf sich beruhen ließ. Der Rabbiner Morteira, in damaliger Zeit einer der gelehrtesten, sah den Studiengang feines Schülers, wie er sich ihm äußerlich zeigte, mit Vergnügen. Er setzte seine Bescheidenheit verschiedene Male auf die Probe, und nachdem er hierdurch seinen sittlichen Werth erkannt hatte, verbreitete er unter seine Umgebung die schönsten Hoffnungen von Spinoza, als einer einstigen Stütze der Synagoge. Durch diese Umstände bildete sich in dem Jüngling ein fester Charakter aus, der, fern von aller Heuchelei zwar, doch sich auf sich selbst zurückziehend, seine innersten Meinungen eitelen und unwürdigen Fragern mitzutheilen vermied, obgleich man, angeregt durch die Lobpreisungen des Morteira, sich vielfach zu ihm drängte und um ihn bewarb. Der geschwätzige Boullainvilliers, dem wir wenig trauen dürfen, da er die Lücken gern mit eigenen unzuverlässigen Reden ausfüllt, erzählt von zweien jungen Männern, die den jungen Spinoza bei jeder Gelegenheit um Aufschluß über die verfänglichsten Fragen bestürmten, bis er, der bei näherer Untersuchung die Sittlichkeit dieser Leute verderbt fand, ihnen merklich zeigte, daß er sich mit ihnen nicht besassen wolle. Dadurch wurden sie zum Zorne gereizt und faßten den Entschluß, sich zu rächen. Zunächst verbreiteten sie unter das Volk, daß sich Morteira völlig in Spinoza geirrt habe, der, nur Haß und Verachtung gegen das Gesetz athmend, nicht eine Stütze, sondern ein Zerstörer des Glaubens fein werde. Später traten sie als seine Ankläger auf. Wie dem auch sei, Spinoza gab zu diesem Gerüchte nur allzuvielen Anlaß. Er pflegte sehr geringen Umgang mit wenigen seiner Glaubensgenossen, erschien selten in den Lehr- und Betschulen, und seine Studien waren auf ein anderes Ziel gerichtet. Er